Dieser Blogeintrag wird vorübergehend der letzte vom brasilianischen Boden sein, denn schon in wenigen Tagen ist dieser durchaus „Andere Dienst im Ausland“ vorbei und ich reise zurück in die Heimat. Momentan bin ich voll und ganz mit Abschiednehmen beschäftigt und was dahin gehend schon passiert ist berichte ich nun als allererstes.
Am Samstag nutzten Benjamin und ich die 17 Uhr Messe in der Casa do Menor- Kapelle, an der immer alle Häuser teilnehmen, um uns im allgemeinen Rahmen von den Kindern und Jugendlichen zu verabschieden. Die Höhepunkte stellten zwei, am gleichen Nachmittag noch von uns selbst produzierte Videos und eine Diashow mit den 130 schönsten Fotos dieses Jahres da. Daraufhin konnten die Kids auch noch loswerden, was ihnen auf den Herzen lag. Spätestens dann wurde den Anwesenden sichtlich, dass der kalte Deutsche auch warm sein kann. Nach der Messe stürzte sich die Meute auf die von uns gebackenen Kuchen.
Am Sonntag war für mich zum letzten Mal Kulturzentrum angesagt. Bei der morgendlichen Begrüßung schnappte ich mir das Mikrofon und versuchte einige Abschlussworte zu finden. Am Abend schmiss ich noch zusammen mit den anderen Kulturzentrumsmitarbeitern eine Barbecue- Abschiedsfete.
Die nächsten zwei letzten vollen Tage werde ich bei meinen geliebten Jungs in Casa Renascer verbringen und auf deren Wunsch ein riesiges Pfannkuchenfestival veranstalten.
Nach einem so facetten-, erfahrungs- und erlebnisreichen Jahr und momentan Achterbahn fahrenden Gefühlen, scheint es mir unmöglich all dem, hier und jetzt, gerecht zu werden und schreibe deshalb einfach mal drauf los ohne den Anspruch etwas Allumfassendes zu schaffen.
Ich bin ein toller Hecht, nicht wahr!? Und zwar ein ganz großer. Ich opfere meinen durchaus angenehmen Lebensstandard und gehe als supersozial eingestellter Europäer zu den Armen nach Brasilien, um ihnen endlich aus der Patsche zu helfen. Und nach kurzer Zeit fällt mir auf: „Sch…, die sprechen ja eine andere Sprache, das sieht hier ja alles anders aus, die verhalten sich ja ganz anders.“ Wie ein kleines Baby suche ich halt, ich suche Hilfe. Alles scheint sich doch nur um mich zu drehen?? Ich lerne eine Sprache, ich sehe was von der Welt, ich wachse an den Situationen des auf mich selbst gestellt sein, ich lerne von den Kindern und meinen Mitmenschen. Der soziale Dienst hat also meiner Meinung nach eine stark egoistische Basis, doch als komplette Illusion kann ich ihn wohl kaum bezeichnen. Schließlich bin ich doch jeden Tag mit den Kindern in Kontakt getreten, habe ihnen Aufmerksamkeit und Zuwendung geschenkt, habe durch verschiedene Aktivitäten ihren Alltag zu verschönern versucht, habe mit ihnen gelacht, geweint, gestritten und gespaßt. Und was bleibt davon in den Kindern zurück, wenn ich nicht mehr da bin?? Ist meine Arbeit nicht durch die eines anderen Freiwilligen austauschbar? Ich, und ich glaube das ist generell etwas sehr europäisches, bin immer auf der Suche nach einem messbaren Resultat. Was habe ich mit den Kindern und für sie gemacht? Habe ich einen Spielplatz gebaut, damit sie glücklich herumtollen können? Oder einen Schrank gezimmert? Oder gibt es etwas nicht sichtbares, nicht messbares, in einem jeden Menschen, was viel wertvoller ist als alles andere?? Das ist es wohl, was ich hoffe. Dass die Liebe, die ich versucht habe zu geben, die Kinder und Jugendlichen in einer gewissen Weise bereichert hat, sodass sie durch den Kontakt zu mir selbst an Liebesfähigkeit gewonnen haben. Dabei ist meine Arbeit auch auf keinen Fall austauschbar, denn nur ich kann Dinge von mir weitergeben, und kein anderer. Wenn also das gesuchte Resultat ist, dass ich mit Hilfe von diversen Aktivitäten einen Teil von mir in den Kindern zurücklasse, bin ich mit diesem Jahr zufrieden.
Ich freue mich schon mich mit euch persönlich auszutauschen. Doch nicht nur darauf freue ich mich. Denn nach den ganzen „letzten Malen“ wird es auch wieder Zeit für das „erste Mal“. Da gibt es das „Zum- Ersten- Mal- die- Mutter- Umarmen“, das „Zum- Ersten- Mal- Geschmackreiches- Bier- Trinken“ usw. Ab Samstagmittag stehe ich für all das zur Verfügung!
Bevor ich mich verabschiede möchte ich mich noch bei allen bedanken, die mich in dieser Zeit unterstützt haben. Dabei geht der Dank vor allem an meine Familie, die mich in allen Bereichen dazu befähigt hat dieses für mich wundertolle Jahr zu erleben.
Bis bald
Die liebsten letzten Grüße aus Brasilien
Moritz
Dienstag, 9. September 2008
Das letzte Mal
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