Montag, 26. November 2007

...und schon wieder eine WOCHE rum.

Die Tage vergehen hier wie im Fluge und die vergangene Woche war natürlich von besonderen Erlebnissen nicht ausgenommen.Zum einen habe ich nach Absprache mit einigen Verantwortlichen eine Änderung meines Arbeitsbereiches vorgenommen. Ich werde zukünftig am Wochenende im Kulturzentrum (CIDAH) von Casa do Menor arbeiten und unter der Woche an drei Tagen in Casa Renascer und Casa Angelo (8-14 jährige Jungs). Ich freue mich auf die neue Arbeit und die damit verbundenen Herausforderungen, die an mich gestellt wird (über meine Aufgaben in der CIDAH werde ich berichten).

Am Mittwoch war ich zum ersten mal in der Capoeiraschule von Rildson in Santa Rita. Ein Freund hat mich abgeholt und wir sind dann zusammen ca. 25 min dort hingeradelt. Auf der Fahrt sind mir folgende zwei Sachen durch den Kopf gegangen:
1. dieser Ballungsraum rund um Rio ist einfach unglaublich. Da fahre ich eine halbe Stunde mit dem Fahrrad nur zwischen Häusern hindurch und überall sitzen die Menschen auf der Straße, in den Bars, die Musik dröhnt laut...
2. Fahrradfahren kommt einem Extremsport gleich: ständige Konzentration und Aufmerksamkeit, sowie Kreativität, Fitness und Risikobereitschaft sind gefragt, wenn man sich zwischen Autos, Bussen, Motorrädern, anderen Fahrrädern, Menschen und Pferdegespannen bewegt und versucht den Schlaglöchern und geschwindigkeitsreduzierenden Straßenhubbeln zu umgehen. Bisher habe ich mich nur einmal hingelegt, als ich dachte, dass ein kleiner, schlaksiger Junge die Kraft dazu hat mich auf dem Gepäckträger bergab auf einem nicht- asphaltierten Weg zu transportieren (nur ein paar Schrammen am Bein zeugen noch von dieser Tragödie).

Am Freitag war ich den ganzen Tag unterwegs. Morgens und nachmittags in Casa Renascer, wo ich zwei Jungs zum (Lese-)Nachhilfeunterricht im benachbarten Ort „Nova America“ begleitet habe (30 min. zu Fuß), und abends in Casa Angelo (20 min. mit dem Fahrrad), wo Benni und ich ein Lagerfeuer veranstaltet haben. Benni hatte bereits tagsüber mit den Kids Stockbrotteig und Stöcke zurechtgemacht. Die Jungs (und auch ich) hatten einen riesigen Spaß. Passend zum Stockbrot schlürfte ich (zum ersten mal in meinem Leben) aus einer Kokosnuss Kokosnussmilch. Die Zufahrt zu Casa Angelo ist nämlich mit einer Kokospalmenallee bestückt und glücklicherweise werden die Nüsse gerade reif. Genauso siehts auch mit Mangos aus. Bei jeder Gelegenheit kriege ich eine Mango vom Baum gepflückt (Casa Renascer hat ein Baum). In Deutschland habe ich immer gerne auf Mango verzichtet, hier allerdings gibt’s nichts besseres. Hmmm, stimmt nicht ganz. Es gibt doch noch was besseres, nämlich „Jaca“. Das ist echt die unglaublichste Frucht, die ich je gegessen habe: riesig, schwer, süß...einfach hervorragend...


Lagerfeuer in Casa Angelo (+Kokosnussschluerfen)

...eine Jaca und ich...

...Jungs aus Casa Renascer, nachdem sie zwei Jacas aus dem 20 m hohen Baum gepflueckt hatten

Weiterhin gibt es zu berichten, dass hier in der Pousada wieder etwas mehr Leben ist, seitdem am Donnerstag fünf Italiener und am Samstag sechs Deutsche angekommen sind. Drei oder vier der Italiener werden einen Monat und die restlichen eine Woche hier bleiben. Unter den Deutschen befindet sich der neue Pfarrer der Pfarrgemeinde St. Wolfgang in Dieburg Herr Vogel und weitere schon seit langen Jahren eng mit dem Projekt in Kontakt/ Freundschaft stehende Herren. Sie werden allerdings schon nach drei Tagen zu Casa do Menor nach Fortaleza (Nordosten Brasiliens) weiterziehen. In dieser Zeit findet ein reger „intercultural intercambio“ statt: die Mischung aus deutscher, portugiesischer, italienischer und englischer Sprache sorgt für viele lustige Momente und viel Verwirrung in meinem Kopf.

Seid alle herzlich von mir gegrüßt!
Euer Maurício

Sonntag, 18. November 2007

noch 10 spannende Wochen...

Jetzt sind es schon zwei Monate, dass ich im schönen Brasilien bin, und bisher war es ein eine sehr erfahrungs- und ereignisreiche Zeit. Mir geht es nach wie vor sehr gut hier, ich kann nicht klagen.

Die letzten zwei Wochen habe ich meistens in Casa Renascer gearbeitet. Dort habe ich zum ersten mal mitgekriegt wie sich die Besetzung der Häuser immer im Wandel befindet. Es gibt einen neuen „pai social“ in Casa Renascer, drei Jungs sind in ein anderes Haus gezogen (Casa Vida), da sie jetzt arbeiten, drei neue Jungs sind aus Casa André in Tingua nach Casa Renascer gekommen, einen Jungen hat es wieder auf die Straße gezogen, ein Junge muss wohl aufgrund einer Schlägerei das Projekt wechseln...

Letzte Woche gab es eine kleine Änderung was meine Wohnsituation angeht. Und zwar bin ich zusammen mit Benni von einem geräumigen Vierbettzimmer in ein Minizweibettzimmer gezogen, was wir aber bereits etwas aufgemotzt haben, indem wir Regale konstruiert und angebracht haben. Klein aber fein....

Am Donnerstag, welcher ein Feiertag hier war, war zunächst das monatliche (spirituelle) Zusammentreffen aller Mitarbeiter in der Kapelle von Casa do Menor. Das Thema des „retiro“ war „Verluste“, sodass jeder die Möglichkeit hatte sich darüber Gedanken zu machen, aber auch mit anderen darüber zu sprechen. Ich war beeindruckt davon, wie offen und frei von der Seele manche Mitarbeiter ihre drei größten Verluste im Leben vor allen präsentiert haben.Nachmittags ging es (spontan) nach Rio Centro, da dort im Italienischen Kulturzentrum ein italienisches Klassikkonzert stattfinden sollte. Wir (einige Jugendliche aus den Häusern, Eunice, Benni, Pe.Renato, ich) fuhren mit dem hauseigenen Reisebus nach Rio, wo wir uns die Vorführung anschauten und danach wieder zurückkehrten. Pe. Renato wurde wohl dazu eingeladen. Die Rückfahrt erinnerte mich an eine Klassenfahrtfahrt, da viel gesungen, geklatscht und gelacht wurde. Insgesamt war es ein sehr schöner Ausflug und ich denke vor allem für die Kids war es was besonderes mal aus dem Gewohnten hier in Casa do Menor rauszukommen und auch was von der Stadt zu sehen, wo sie ja schließlich herkommen (Zuckerhut etc.).

vor dem Konzert

Gestern und heute war ich wie jedes Wochenende im Kulturzentrum von Casa do Menor und habe etwas an meinem Capoeira gearbeitet. Da fällt es mir vor allem an Gelenkigkeit...Dafür habe ich im anschließenden kleinen Ju- Jitsu- Training geglänzt, wo ich eindeutig noch von meinen Fähigkeiten aus meiner 7- jährigen Judokarriere profitierte.

Nächste Woche wird interessant für mich, da sich entscheiden wird, wo ich in nächster Zeit arbeiten werde. Ich werde auf jeden Fall davon berichten...


Sonntag, 4. November 2007

Eine sehr abwechslungsreiche Woche...

Zunächst weise ich darauf hin, dass der vorherige Post meinen Monatsbericht September/ Oktober enthält. Monatlich sollte ich für das Bischöfliche Ordinariat in Mainz, für die Gemeinde St. Wolfgang in Dieburg, sowie für die Verantwortlichen von Casa do Menor einen Bericht verfassen, in welchem ich zum einen über meine Arbeit und zum anderen über mein Wohlbefinden schreibe.
Nachdem ich die ersten sechs Wochen mit Benni und Eunice allein in der Pousada verbracht hatte, war die vergangene Woche eine ganz neue Erfahrung, da am Sonntag zwei Krankenschwestern aus Heidelberg namens Sina und Denise für einen Kurzurlaub (sie brachten auch reichlich Antibiotika für die Gesundheitsstation von Casa do Menor mit) und am Montag eine Gruppe von sechs Kubanern, die die Philosophie Casa do Menors und Pe. Renatos kennen lernen wollten, ankamen. Dazu kam noch Nick Danziger, ein englischer Fotograf aus Monaco, der Fotos für Spender aus Monaco machen sollte. Den Kubanern sollte innerhalb ihres fünftägigen Aufenthaltes möglichst viel von Casa do Menor (CdM) gezeigt werden, sodass ich die Möglichkeit hatte mit ihnen herumzuziehen und auch für mich neue Bereiche CdMs zu entdecken.

Am Dienstag ging es nach Tingua, einem Ort nahe eines (Ur-) Waldreservoirs. CdM besitzt dort ein „Sitio“ (Landgut), auf welcher sich neben einer riesigen Anbaufläche (Bananen, Mandiok,...) „Casa Andre“ (dieses Haus ist der erste Aufenthaltsort für jugendliche Jungs im Alter von ca.14- 17 Jahren), „Casa Jesus Menino“ (Haus für geistig- und körperlich behinderte Kinder) und ein weiteres Haus, welches zur Zeit von einigen CdM- Mitarbeitern genutz wird, um ihre Spiritualität zu festigen, befinden. Ich würde sehr gerne einige Wochen in Tingua verbringen, doch zunächst möchte ich die Sprache besser beherrschen, da die Jungs in Casa André so zusagen noch Frischlinge in CdM sind und daher mehr Sprachkenntnisse erforderlich sind.
das Gelaende...

...

...Casa Andre...

... Jungs aus Casa Jesus Menino

Am Donnerstag Morgen reisten die beiden Deutschen ab und damit war meine Zeit als Dolmetscher wieder vorbei. Ich war von mir selbst sehr überrascht, als es mir beim Übersetzen erstaunlich leicht viel das Brasilianisch zu verstehen. Doch anscheinend machen meine Sprachkenntnisse doch Fortschritte J
Ebenfalls am Donnerstag begleitete ich die Kubanergruppe und Pe. Renato bei ihrem Ausflug nach Teresopolis, wo sich eine von CdM mitgetragene „Fazenda da Esperança“ (Bauernhof der Hoffnung) befindet. Fazenda da Esperança ist eine in der ganzen Welt (auch in Deutschland!) und besonders häufig in Brasilien vertretende Einrichtung zur Drogentherapie. Die Erwaschenen und Jugendlichen leben dort ein Jahr und versorgen sich nachezu selbst, indem sie Gemüse, Obst, Fleisch etc. anbauen. Das Gelände ist riesig groß und befindet sich mitten im Urwald. Schon bei der dreistündigen Fahrt dorthin durchquerten wir einen Nationalpark mit beeindruckenden Gebirgsformationen und Wäldern. Ich bin wahnsinnig froh, dass ich am Ausflug nach Teresopolis teilgenommen habe, da ich eine völlig andere Seite des bereits jetzt schon von mir geliebten Landes Brasilien kennengelernt habe. Die Landschaft ist traumhaft schön und bietet den kompletten Kontrast zu meiner Umgebung hier in Miguel Couto, wo sich ein Haus ans Andere drängt.


Am Freitag war der „Tag der Toten“ (wenn ich es richtig verstanden habe), ein Feiertag, an dem einige der Kinder aus den Häusern, sowie einige Mitarbeiter CdMs, Pe. Renato, Benni, die Kubaner, der Fotograf und ich zum Sklavenfriedhof nach Iguaçu Velho (etwa 15 Minuten entfernt) gefahren sind. Früher wurden dort Sklaven begraben, heute dient er als Begrabungsstätte von Heimat-, Namen- und Familienlosen (einige davon Kinder/ Jugendliche von CdM). Die von Pe. Renato gehaltene katholische Messe wurde vom Macumba- Trommel- Lärm begleitet, da zeitgleich ein afrobrasilianisches Macumbafest veranstaltet wurde (Macumba = Voodoo). Dabei wurden zahlreiche Kerzen entzündet, Speisen geopfert und sogar ein mit Alkohol beträufeltes Huhn in die Luft gejagt (ich habe nur die Stichflamme aus der Entfernung gesehen). Diese Festlichkeiten haben mich sehr begeistert, da es ein Zeichen für die Vielseitigkeit und Mixtur der brasilianischen Kultur ist. Wo erlebt man schon mal einen Gottesdienst als Parallelveranstaltung zu einem Macumbafest?

Abends sind die Kubaner und Nick, welcher einen beeindruckenden Lebenslauf zu verzeichnen hat und eine außergewöhnliche Persönlichkeit ist (Bilder von ihm findet ihr im Internet), wieder abgereist und es ist wieder etwas ruhiger hier in der Pousada...

Bericht September/ Oktober 2007

In den ersten paar Tagen nach meiner Ankunft am 14. September wurde mir die Einrichtung „Casa do Menor“ (Casa Lares- Häuser für die Unterbringung der Kinder, CAPS- Administration und Ausbildungskurse, CIDAH- Kulturzentrum) von verschiedenen Mitarbeitern vorgestellt, sodass ich dann entscheiden konnte, in welches der Häuser ich zunächst gehen möchte. Meine Wahl fiel auf „Casa Renascer“ („Haus des Wiederauflebens“), wo zur Zeit neben einem angolaschen Jugendlichen namens Salomao, welcher zur Krebstherapie nach Brasilien gekommen ist, und den zwei „pais sociais“ (Sozialeltern)13 Jungs im Alter von 12 bis 17 Jahren wohnen.
In der Regel „arbeite“ ich von 8.45 Uhr (zuvor um 8.00 Uhr morgendliche Andacht in der Kapelle von Casa do Menor, sowie 15 Minuten Weg zu Casa Renascer) bis 17.00 Uhr in Casa Renascer. Allerdings finde ich es schwer meinen Aufenthalt dort als wirkliche Arbeit zu bezeichnen, da ich es eher als ein „Zusammenleben“ empfinde. Ich spiele mit ihnen Fußball, singe mit ihnen, tanze mit ihnen, mache einen Ausflug auf einen nahe gelegenen Hügel, von wo aus man eine Sicht über einen Großteil der Baixada Fluminense hat, versuche mich mit ihnen zu unterhalten (aufgrund von mangelhaften Sprachkenntnissen oft schwierig) und bin traurig und glücklich mit ihnen. Ich bin also als Teil der Familie Renascer zusätzlich zu den „pais sociais“ ein Ansprechpartner, der sich den Kindern/ Jugendlichen präsent zeigt und auch jedem etwas mehr Aufmerksamkeit zubringen kann. Dabei versuche ich auch die „pais sociais“ etwas zu entlasten, indem ich vormittags beim Kochen helfe (meine besondere Leidenschaft gilt der Knoblauchzubereitung), im Garten etwas für Ordnung sorge, oder auch kleine handwerkliche Dienste verrichte (Reparatur des Schrankes eines Jungen).Das Verhältnis zwischen den Jungs und mir ist seit meinem Beginn vor ca. 6 Wochen vertrauensvoller geworden, sodass ich mir sicher bin, dass ich, sobald ich das Haus demnächst wechsele, sie vermissen werde und auch umgekehrt, dass sie mich vermissen werden.

Insgesamt fühle ich mich hier in Miguel Couto sehr wohl und kann behaupten, dass ich mich recht gut eingelebt habe. Mit wachsender Sprachkenntnis und damit auch wachsendem Verständnis für Vieles bekomme ich einen immer weiteren Einblick (auch wenn bruchstückhaft) in die „Geschichten“ der Kinder, die Arbeit Casa do Menors, das Leben in der Baixada und die Kultur Brasiliens. Ich bin auf jeden Fall froh den Schritt ins Unbekannte gewagt zu haben und blicke gespannt und mit Freude in die nächsten 10,5 Monate hier in Brasilien!