Dienstag, 9. September 2008

Das letzte Mal

Dieser Blogeintrag wird vorübergehend der letzte vom brasilianischen Boden sein, denn schon in wenigen Tagen ist dieser durchaus „Andere Dienst im Ausland“ vorbei und ich reise zurück in die Heimat. Momentan bin ich voll und ganz mit Abschiednehmen beschäftigt und was dahin gehend schon passiert ist berichte ich nun als allererstes.

Am Samstag nutzten Benjamin und ich die 17 Uhr Messe in der Casa do Menor- Kapelle, an der immer alle Häuser teilnehmen, um uns im allgemeinen Rahmen von den Kindern und Jugendlichen zu verabschieden. Die Höhepunkte stellten zwei, am gleichen Nachmittag noch von uns selbst produzierte Videos und eine Diashow mit den 130 schönsten Fotos dieses Jahres da. Daraufhin konnten die Kids auch noch loswerden, was ihnen auf den Herzen lag. Spätestens dann wurde den Anwesenden sichtlich, dass der kalte Deutsche auch warm sein kann. Nach der Messe stürzte sich die Meute auf die von uns gebackenen Kuchen.
Am Sonntag war für mich zum letzten Mal Kulturzentrum angesagt. Bei der morgendlichen Begrüßung schnappte ich mir das Mikrofon und versuchte einige Abschlussworte zu finden. Am Abend schmiss ich noch zusammen mit den anderen Kulturzentrumsmitarbeitern eine Barbecue- Abschiedsfete.
Die nächsten zwei letzten vollen Tage werde ich bei meinen geliebten Jungs in Casa Renascer verbringen und auf deren Wunsch ein riesiges Pfannkuchenfestival veranstalten.

Nach einem so facetten-, erfahrungs- und erlebnisreichen Jahr und momentan Achterbahn fahrenden Gefühlen, scheint es mir unmöglich all dem, hier und jetzt, gerecht zu werden und schreibe deshalb einfach mal drauf los ohne den Anspruch etwas Allumfassendes zu schaffen.

Ich bin ein toller Hecht, nicht wahr!? Und zwar ein ganz großer. Ich opfere meinen durchaus angenehmen Lebensstandard und gehe als supersozial eingestellter Europäer zu den Armen nach Brasilien, um ihnen endlich aus der Patsche zu helfen. Und nach kurzer Zeit fällt mir auf: „Sch…, die sprechen ja eine andere Sprache, das sieht hier ja alles anders aus, die verhalten sich ja ganz anders.“ Wie ein kleines Baby suche ich halt, ich suche Hilfe. Alles scheint sich doch nur um mich zu drehen?? Ich lerne eine Sprache, ich sehe was von der Welt, ich wachse an den Situationen des auf mich selbst gestellt sein, ich lerne von den Kindern und meinen Mitmenschen. Der soziale Dienst hat also meiner Meinung nach eine stark egoistische Basis, doch als komplette Illusion kann ich ihn wohl kaum bezeichnen. Schließlich bin ich doch jeden Tag mit den Kindern in Kontakt getreten, habe ihnen Aufmerksamkeit und Zuwendung geschenkt, habe durch verschiedene Aktivitäten ihren Alltag zu verschönern versucht, habe mit ihnen gelacht, geweint, gestritten und gespaßt. Und was bleibt davon in den Kindern zurück, wenn ich nicht mehr da bin?? Ist meine Arbeit nicht durch die eines anderen Freiwilligen austauschbar? Ich, und ich glaube das ist generell etwas sehr europäisches, bin immer auf der Suche nach einem messbaren Resultat. Was habe ich mit den Kindern und für sie gemacht? Habe ich einen Spielplatz gebaut, damit sie glücklich herumtollen können? Oder einen Schrank gezimmert? Oder gibt es etwas nicht sichtbares, nicht messbares, in einem jeden Menschen, was viel wertvoller ist als alles andere?? Das ist es wohl, was ich hoffe. Dass die Liebe, die ich versucht habe zu geben, die Kinder und Jugendlichen in einer gewissen Weise bereichert hat, sodass sie durch den Kontakt zu mir selbst an Liebesfähigkeit gewonnen haben. Dabei ist meine Arbeit auch auf keinen Fall austauschbar, denn nur ich kann Dinge von mir weitergeben, und kein anderer. Wenn also das gesuchte Resultat ist, dass ich mit Hilfe von diversen Aktivitäten einen Teil von mir in den Kindern zurücklasse, bin ich mit diesem Jahr zufrieden.

Ich freue mich schon mich mit euch persönlich auszutauschen. Doch nicht nur darauf freue ich mich. Denn nach den ganzen „letzten Malen“ wird es auch wieder Zeit für das „erste Mal“. Da gibt es das „Zum- Ersten- Mal- die- Mutter- Umarmen“, das „Zum- Ersten- Mal- Geschmackreiches- Bier- Trinken“ usw. Ab Samstagmittag stehe ich für all das zur Verfügung!

Bevor ich mich verabschiede möchte ich mich noch bei allen bedanken, die mich in dieser Zeit unterstützt haben. Dabei geht der Dank vor allem an meine Familie, die mich in allen Bereichen dazu befähigt hat dieses für mich wundertolle Jahr zu erleben.

Bis bald

Die liebsten letzten Grüße aus Brasilien

Moritz

Dienstag, 12. August 2008

Aus Monaten werden Wochen, aus…

...Wochen werden Tage. Ich habe jetzt noch genau 31 Tage vor mir, die ich im Kreise meiner Kids und Freunde genießen werde. Die letzten 28 Tage, seit meinem letzten Bericht, ist folgendes passiert:

Mit einem brasilianischen „amigo“ ging ich in das weltberühmte „Maracanã“- Stadion, um das Spiel Flamengo vs. Vitoria zu schauen. Es war für mich nicht nur das erste mal im Maracanã, sondern auch generell der erste Besuch eines professionellen Fußballspiels. Ich stand natürlich im Flamengo- Fanblock und grölte schon bald die Schlachtrufe mit. Leider ging es 1:0 für Vitoria aus, glücklicherweise blieben alle friedlich. Trotz der Menschenmassen und dem massenhaften Gebrauch von Schimpfwörtern fühlte ich mich bei Sambatrommelrhythmus und sommerlichen Wintertemperaturen wohl.

In der darauf folgenden Woche transportierten drei von der Regierung Rio de Janeiros zur Verfügung gestellte Reisebusse den Großteil der Casa do Menor- Mitarbeiter, - Kinder und – Auszubildenden zur „Candelaria“- Kirche im Zentrum von Rio, von wo aus der demonstrationsähnliche Gedenksmarsch startete. Dieser „caminhada em defesa da vida“ wurde den 8 Kindern und Jugendlichen, die vor 15 Jahren im Schlaf vor eben dieser Kirche von Polizisten erschossen wurden, sowie allen unter menschenunwürdigen Polizeihandlungen Leidenden, gewidmet. Es waren die meisten Casa do Menor- ähnlichen Institutionen Rio de Janeiros versammelt und wir begleiteten den Zug mit unserer Percussion- Gruppe aus dem Kulturzentrum. Am Abend des gleichen Tages hatte ich meinen Einstand in meine brasilianische Fernsehkarriere, als in den Nachrichten ein Bericht über die Demo lief.

CdM- Percussion- Gruppe in gelb vor der Candelaria- Kirche in Rio...

...Kids von CdM...

...Gedenkmarsch durch das kommerzielle Zentrum Rios.

Da in Brasilien vom 21.07.- 04.08. Winterferien waren veranstalteten wir im Kulturzentrum eine Art Ferienspiele (hier „colônia de férias“ genannt), die vor allem Stefio, der Leiter des Kulturzentrums, und ich organisierten. Und das war das Programm:

Donnerstag, den 24.07.
Um 14:00 Uhr ging es los mit einer Begrüßung und der Einteilung der Gruppen. Es gab vier Aktivitäten zur Auswahl, die zwar von den normalen Lehrern angeboten wurden, aber von den normalen abweichten:

1. „Percussão de lata“ (Trommeln mit Dosen)

2. Exotische Instrumente

3. Toepfern

4. etwas anderer Tanzstil

Um 17:00 Uhr gab es ein Snack für alle, bevor dann das Erarbeitete in der Großgruppe vorgestellt wurde. Auf die Präsentationen folgte ein Kinoabend, bei dem wir über einen Beamer einen Film auf die Leinwand warfen.

Freitag, den 25.07
Da am Abend die Zeugnisvergabe der Casa do Menor- Ausbildungskurse im Kulturzentrum stattfinden sollte und dafür einige Vorbereitungen im Gange waren, sowie der eigentlich geplante Ausflug zu einem Landgut aufgrund von Mangel an Transportmöglichkeiten scheiterte, hatten wir nur am Vormittag ein Programm. Wieder gab es vier Gruppen, allerdings wurden die Lehrer vertauscht. Der schlaksige Trommellehrer übernahm den Tanzunterricht, der Tanzlehrer den Trommelunterricht, der Capoeiralehrer den Chor und der Musiklehrer den Theaterkurs. Nach einiger Vorbereitungszeit folgten sehr außergewöhnliche Präsentationen der Gruppen und es gab einiges zu lachen.
"the team"

Samstag, den 26.07
Nach einer Aufwachgymnastik um 09:00 Uhr startete ein Wettkampf zwischen sechs Teams. Jeder der sechs Lehrer übernahm ein Team, zusätzlich gab es zwei Jurymitglieder. Punkte konnten gesammelt werden in den Disziplinen Singen, Völkerball und Schwimmen. Am Nachmittag fand allerdings die absolute Königsdisziplin statt, nämlich das Einstudieren und Vorführen eines typischen „festa junina“- Tanzes, bei dem die „Hochzeit“ mit vorkommen musste (festa junina = traditionelle Junifeste mit Tänzen aus dem Nordosten Brasiliens). Nachdem alle Gruppe vorgeführt hatten stand der Sieger fest und es gab typisches Festa Junina- Essen: Canjica und süßer Reis.

Eine der Tanzgruppen in "Festa Junina"- Tradition...

...mais uma...

...e mais uma.

Sonntag, den 27.07
Vormittags fand eine Art Rally statt, bei der verschiedene Teams bestimmt markierte, über das Gelände verteilte Zettel finden musste und dem Schiedsrichtergespann einreichen musste. Nachmittags war reine Freizeit angesagt, das heißt, Schwimmbad für alle.

Die gruene Gruppe wie man an der Kriegsbemahlung erkennen kann...

...gelb...

...Marcos Vinicius von den Blauen.

Insgesamt waren die vier Tage ein voller Erfolg. Die Jugendlichen hatten viel Spaß und eine Freizeitbeschäftigung- das ist das wichtigste.

Direkt am Montag danach brach ich zu meiner letzten Reise auf, und zwar nach São Paulo, wo ich Vinny traf. Vinny lernte ich vor drei Jahren bei meinem Auslandsaufenthalt in USA kennen und seitdem hatten wir mehr ab als zu Kontakt. Wir fuhren zu seiner 430 km nördlich von São Paulo gelegenen Heimatstadt São José do Rio Preto, wo ich seine Freunde und Familie kennen lernen durfte und wir einfach die Zeit gemeinsam genossen. Nach drei Jahren hat man natürlich einigen Anlass sich auszutauschen. Das Wochenende verbrachten wir dann in São Paulo Stadt selbst und seine Freundin, die schon seit mehreren Jahren dort wohnt, zeigte mir die Hauptattraktionen im Schnelldurchgang. Zwei Tage in dieser riesengroßen Stadt reichten wirklich nur, um festzustellen, dass die Stadt wirklich riesengroß ist, dennoch war die ganze Woche zusammen mit meinem „old friend“ eine klasse Erfahrung, zumal ich Brasilien aus dem Blickwinkel der Mittelschicht erleben durfte.

Vinnys Eltern und ich in Rio Preto...

...Museum fuer Moderne Kunst an der Avenida Paulista in São Paulo...

...Monument im "Parque Ibirapuera"...

...die Riesenstadt bei Nacht...

...Vinny und ich vor dem São Paulo- Gruendungshaus...

...die sogenannte "Favela Vertical", ein besetztes bereits zum Abriss freigegebenes Wohnhaus im Zentrum von São Paulo...

...Avenida Paulista...

...Park vor dem Museum, welches der Unabhaengigkeitserklaerung Dom Pedro II gewidmet wurde...

...da kommt Patriotismus auf.

Jetzt geht es mit großen Schritten Richtung Heimat und ich kann sagen: „Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust“.

Eine herzliche Umarmung schickt Euch

Moritz




Wie Ihr seht habe ich mich in letzter Zeit etwas veraendert!!!

Dienstag, 15. Juli 2008

02:10

Das ist das Monatsverhältnis (und nicht das gefühlte EM- Finalspielergebnis). Vor zehn Monaten bin ich hierher gereist, in zwei Monaten bin ich schon wieder seit zwei Tagen zu Hause. Auch wenn ich nun schon zum zweiten Mal für so „lange“ Zeit weg bin, weiß ich doch wo meine Wurzeln sind, wo ich zu Hause bin. Ich stelle zwar fest, dass sich der Mensch wohl an fast alle Umstände anpassen kann, doch einige Dinge vermisse ich dann doch mittlerweile: warmes Duschen, alltägliches Kaffee- und Kuchenritual meiner Familie usw.

Ich kann Euch versichern: hier wird es nicht gerade weniger spannend! Ende Juni nutzte ich die Möglichkeit und ging zusammen mit einer Gruppe Jugendlicher aus dem Kulturzentrum in das Kinder- und Jugendgefängnis (Untersuchungsaft) „Instituto Padre Severino“. Dort präsentierten wir den zwischen 12 und 18 jährigen Jugendlichen einen traditionellen nordostbrasilianischen Tanz, um ihnen am Johannestag etwas Abwechslung zu bieten und Aufmerksamkeit zu geben. Verängstigt durch Warnungen von Casa do Menor- Jungs, die diese „escola de crime“ (Schule des Verbrechens) bereits durchliefen, und gelesenen Artikeln über das Gefängnis (bis zu dreißig Kinder in einer Zelle, ohne Bett, ohne Nix, und einem Loch im Boden für das Geschäft), trat ich durch die Tür in der mindestens 8 Meter hohen Mauer. Zunächst musste alles was als Waffe benutzt werden könnte abgegeben werden. Es waren bereits die ganze Zeit ein wahnsinniges Getöse und Gebrülle und Geklatsche zu vernehmen, was mich an eine typische Hollywoodfilmgefängnisszene denken ließ. Durch mehrere Sicherheitsschleusen durch kamen wir dann in eine Halle, wo ich zunächst niemanden sah, nur hörte. Dann sah ich die „Verbrecher“ (Verbrecher oder Opfer der Gesellschaft??), Kinder und Jugendliche, in Sandalen, Shorts und T- Shirt in Reihen auf dem kalten Betonboden sitzen. Die Vorstellung begann und bei jeder Drehung, bei der sich die Kleider der Tänzerinnen in die Luft hoben, grölte die Menge von etwa 200 Jungen. Ich fühlte mich allerdings alles andere als wohl. Augenkontakt ja oder nein? Wirken meine Blicke vorwurfsvoll, eingebildet, überheblich? Schaue ich nicht, wirke ich arrogant? Die Bilder von diesen Kindern, die für die Delikte von Eierklauen bis Mord für mindestens 45 Tage dort festgehalten werden, gingen mir so schnell nicht mehr aus dem Kopf. Was habe ich denn mit 15 Jahren gemacht? Was erlebt ein durchschnittlicher deutscher Junge mir 12 Jahren?

Am letzten Samstag im Juni war ich in die deutsche Schule in Rio, namens „Corcovado“, geladen. Dort sollte im Rahmen einer Berufsberatungswoche Ersatzdienstleistender Moritz über seine Arbeit und sein Leben erzählen und danach auf die Fragen der Schüler antworten. Das ganze ging glatt über die Bühne und ich bekam sogar leckere Pralinen geschenkt.

Die Pousada macht ihrem internationalen Ruf wieder alle Ehre. Zur Zeit sind nämlich zusätzlich zu Benni und mir drei Deutsche (Freundin, Bruder und Cousine von Benni), drei Italiener und eine Französin (aus portugiesischem Elternhaus) hier untergebracht. Ein außergewöhnlich bereichender „Besuch“ war der eines Schweizer Journalistenteams (ein Journalist und eine Fotografin), die im Auftrag der Schweizer Charitas zu Casa do Menor kamen, um die Lebensgeschichte eines Jungen Casa do Menors in den wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, politischen Zusammenhang Brasiliens zu bringen. Meine Aufgabe für deren neuntägigen Aufenthalt war es zu übersetzten, zu organisieren und zwischen Casa do Menor und ihnen zu vermitteln. Diese Zeit war auf jeden Fall sehr anstrengend, doch ich hatte die einzigartige Möglichkeiten Informationen direkt von der Front des Handelns zu erhalten. Das Programm sah folgendermaßen aus:

Samstag
Auswahl des Protagonisten (Person, die im Bericht im Mittelpunkt stehen wird- Jonathan aus Casa Renascer)
Gespräch mit dem Protagonisten

Sonntag
Fotoshooting für das Titelbild mit dem Protagonisten
Gespräch mit Protagonist

Montag
11.00 Uhr: Interview mit Jugendamtleiter in Vila de Cava (es gibt im ganzen Stadtgebiet Nova Iguaçus nur 5 Jugendämter mit jeweils 10 Mitarbeitern, und das für etwa 1 Mio. Einwohner!!!)
14.00 Uhr: Interview mit Marli, Ministerin für Bildung und Gesundheit in Nova Iguaçu

Dienstag
12.00 Uhr: Fotoshooting des Protagonisten in Casa Renascer
14.00 Uhr: Interview mit Direktor des “Escola João Luiz Alvez“- Kinder- und Jugendgefängnisses
19.00 Uhr: Fotoshooting in der Schule des Protagonisten

Mittwoch
09.00 Uhr: Interview mit dem österreichischen Gemeindepfarrer Miguel Coutos
12.00 Uhr: Fotoshooting des Protagonisten beim Mittagessen in Casa Renascer
16:00 Uhr: Fotoshooting des Protagonisten während des Ausblidungskurses

Donnerstag
10.00 Uhr: Besuch und Fotos von Straßenkindern in Lapa (Stadtteil Rio de Janeiros)
11.00 Uhr: Interview mit dem Leiter des „Centro de Defesa da Criança e Adolescente“ (Zentrum für die Verteidung von Kindern und Jugendlichen) und des Sozialprojektes „São Martinho“
13.00 Uhr: Mittagessen in Casa Rafael (das Haus Casa do Menors im Zentrum Rios)
15.00 Uhr: Interview mit Siro Darlan, vorsitzender Richter und Praesident des "Conselho Estadual dos Direitos da Crinaça e do Adolescente"
(Rat der Rechte von Kindern und JUgendlichen im Staat Rio de Janeiro)
17.00 Uhr: Interview mit dem Polizeichef der Anti- Entführungseinheit des Staates Rio de Janeiros

Freitag
Fotos des Protagonisten im Kulturzentrum

Samstag
Fotos und Gespräch bei Besuch der Mutter des Protagonisten

Sonntag
Riotouritour


Fazit
Also einfach klasse!!!


Seit einer Woche ist aber wieder der „Alltag“ eingekehrt und ich gehe drei Tage die Woche nach Casa Renascer und am Wochenende ins Kulturzentrum. Da „pai social“ (Sozialarbeiter) Marcelo aus Casa Renascer und ich ein deutsch- brasilianisches Restaurant in Deutschland eröffnen werden, ließ ich ein Restaurantsymbolmalwettbewerb starten. Das folgende Logo ist also demnächst in ganz Deutschland zu sehen:



Seit dem letzten Blogeintrag gab es außerdem noch zwei Gründe zu jubeln:

1. Ich bin nun stolzer Besitzer eines Ausländerausweises
2. Der Casa do Menor- Junge, der erschossen wurde, stand auf einmal vor mir auf einem Fest und machte einen ziemlich lebendigen Eindruck. Das ganze war zum Glück nur ein Fehlalarm gewesen.


So, jetzt wisst Ihr Leser wieder ungefähr was hier drüben abgeht.

Die herzlichsten Grüße aus dem winterlichen Brasilien

Moe

Montag, 23. Juni 2008

News aus Brasilien

In den letzten zwei Wochen hat sich wieder einmal einiges ereignet. Daher wuensche ich Euch schoenes Lesen meines Berichtes:


Traurig musste ich feststellen, dass
die von Benjamin und mir in Ordnung gebrachte Kleiderspende wieder einem Schlachtfeld glich, als ich nämlich aufgetragen bekam einige Kleidungsstücke für die Casa do Menor- Zweigestelle in Fortaleza auszusortieren. Nach Aussage meiner Verantwortlichen kann sie diese Aufgabe niemand anderem auferlegen, da sie nur mir vertrauen kann, dass ich nichts mitgehen lasse wuerde. Bei Casa do Menor verdient ja keiner viel Geld, sodass jeder gerne bei einer solch großen Kleiderspende was abkriegen möchte…

Wie bereits angekündigt arbeite ich nun wieder drei Tage die Woche in
Casa Renascer. Dort sind zurzeit 12 Jungs untergebracht, vier davon erst seit kurzer Zeit. Mit diesen vieren beschäftige ich mich auch zum Großteil, da sie momentan weder in die Schule gehen, noch einen Ausbildungskurs machen, da sie wie gesagt erst vor kurzem von der „Erstaufnahme“ in Tinguá nach Renascer gekommen sind und Schul- und Ausbildungsbeginn erst im August ist. Ich konnte bisher schon viel bessere Gespräche führen wie in der ganzen ersten Zeit in diesem Haus am Anfang meines Aufenthaltes. Ein 15 jähriger erzählte mir einiges über sein Leben. Seinen Vater kennt er nicht; seine Mutter genauso wie seine Großeltern sind Alkoholiker; wenn sie betrunken sind schreien sie auf der Straße herum und schießen in die Luft; er zog es vor auf der Straße zu schlafen als sich zuhause zu befinden; er nahm diverse Drogen; er schämt sich vor seiner Familie, ist jetzt aber glücklich bei Casa do Menor zu sein. Drei/ vier Jungs kommen aus dem „traffico“ (Drogenhandel), welcher ein besonderes Problem hier in Rio de Janeiro ist und daher auch in sozialen Einrichtungen viele Aussteiger zu finden sind. In Casa do Menor Fortaleza ist wohl ein ganz anderes Problemfeld: Hunger, Prostitution, Crack. Letzte Woche wollte ich mit den Jungs eine kreative Fotoaktion starten, bei der jeder maximal 15 Minuten meine Kamera benutzen kann, um Fotos zu schießen, die etwas über ihre Persönlichkeit, ihr Leben aussagen, um diese dann später entwickeln zu lassen und ein Plakat zu machen. Es wurden dann eher einfach so Fotos geschossen, wobei sie aber alle riesigen Spaß hatten, und das ist ja auch das wichtigste. Hier ein paar davon:

Rennan im Schwimmbad...

...Marcus Vinicius (alias Sagui) und ich...

...die Denkerpose...

...stolz praesentieren sie den eigens angebauten Kraeutergarten...

...ein anderer Marcos Vinicius (alias Feijão) beim Pipa- Spielen...

...Thiago vor dem frisch gestrichenen "Casa Renascer"...

...Schoenling Flavio mit haesslichem Hauskoeter Leio.


Folgende Szene, die sich am Samstag vor eine Woche ereignete und hier in Rio de Janeiro wohl keine Seltenheit ist, zeigt den riesigen Unterschied der sozialen Schichten in Brasilien: Benjamin und ich laufen in Botafogo an einer traumhaften Straße (in die eine Richtung Zuckerhut, in die andere Christusstatue) die Deutsche Schule suchend entlang. Da kommt uns ein circa 10 jähriger Bub entgegen mit wuscheligen Haaren, zerfetzten Klamotten und dreckigen Füßen und bittet um etwas Geld. Benni gab ihm die halbvolle Colaflasche, die er zuvor gekauft hatte. Wenige Meter danach betraten wir ein wahres Paradies was das Grundstück und die Bildung angeht, nämlich die Deutsche Schule „Corcovado“ in Rio. Hier gibt es von Kindergarten bis Abitur alle Jahrgänge und für etwa 1300- 1400 Reais (500 Euro) im Monat kann das Kind eine hervorragende Bildung erfahren. Im Vergleich dazu verdient eine „Sozialmutter“ bei mir im Projekt 400 Reais im Monat für eine 5x24 Stunden- Woche…verrückt diese Welt…Das Fest in der Schule war richtig schön. Das Gelände war nach dem Motto „Mittelalterlicher Jahrmarkt“ geschmückt und es gab zahlreiche Vorführungen, zum Beispiel eine „Till Eulenspiegel“ - Lesung.

An den Abenden dieses Wochenendes ging ich nach Nova Iguaçu zum „Santo Antonio“- Straßenfest und genoss es mich unters Volk zu mischen.

Letzten Montag fand im italienischen Konsulat in Rio de Janeiro eine Buchausstellung des Gründers und Präsidenten Casa do Menors Padre Renato statt, was ich natürlich nicht verpassen konnte. Das Buch trägt den Titel „Presença“ (Präsenz) und beschreibt die im Projekt praktizierte Pädagogik. Zur Einstimmung führten Jungen und Mädchen aus Casa do Menor sowie aus der Gemeinde das im Kulturzentrum einstudierte Theaterstück über die Geschichte und Problematik Brasiliens vor. Casa do Menor ist wirklich ein Geschenk Gottes!!! Ein Junge hier sagte wohl mal: „Als Gott Casa do Menor geschaffen hat, hat er sehr viel geliebt.“
Umso trauriger stimmt es mich zu sehen wie einige Jugendliche diese Möglichkeit auf ein neues, ordentliches Leben nicht wahrnehmen können. Letzte Woche verbreitete sich die Nachricht, dass ein Junge, der schon seit zwei Jahren bei Casa do Menor war, bei der Europatour partizipierte und im Januar Casa do Menor verließ und seit dem nur ab und zu zu sehen war, aufgrund von Verstrickungen in Drogenhandel, -konsum, Diebstahl etc. in einer Favela erschossen wurde. Diese Realität kann einen echt manchmal richtig betäuben…

Da ich den Bericht nicht ganz so negativ beenden möchte, kann ich Euch nur versichern, dass auch in Brasilien alle Fußballspiele der EM in Schweiz/ Österreich übertragen werden und ich schon jetzt dem EM- Titel „unserer Jungs“ entgegenfiebere :).

Viele liebe Grüße aus Rio

Moritz

Dienstag, 10. Juni 2008

Die Woche nach dem Besuch meiner Eltern und meiner Schwester verbrachte ich in Casa Reviver. Es waren die letzten Tage zum einen in dieser Hausbesetzung, denn die Kinder wurden wegen Umbaumaßnahmen im Haus auf zwei aufgeteilt, und zum anderen für mich in diesem Haus, da ich nach der Aufteilung im Schnitt nur mit zwei Kindern beschäftigt gewesen wäre (die anderen gehen in die Schule, machen einen Ausbildungskurs, arbeiten etc.). Im Rückblick auf die Zeit in Casa Reviver muss ich sagen, dass es mir sehr schwer fiel ein intensives Verhältnis zu den Kindern aufzubauen. Dafür gibt es wohl mehrere Gründe. Einerseits hatte ich Schwierigkeiten den verschiedenen Altersklassen (unterschiedlichen Geschlechts) entsprechend Aktivitäten anzubieten und andererseits war ich in einige andere Aufgaben involviert (Kulturzentrum, Übersetzungen,…), sodass ich nicht kontinuierlich im Haus präsent sein konnte. Die letzten drei Monate werde ich wieder in das alte neue Haus Renascer gehen. Dort werde ich nun mit meinen deutlich besseren Sprachkenntnissen und um einige Erfahrungen reicher eine ganz andere Art von Arbeit leisten können. Ich denke es ist der richtige Schritt, um dieses Jahr abzurunden und für mich noch einiges rausziehen zu können. Zudem ist das Haus auch teilweise neu besetzt und renoviert :).

Am letzten Sonntag im Mai fing die wohl bisher schwierigste Zeit hier in Brasilien an, als ich fast ohne Gehör und höllischen Ohrenschmerzen frühzeitig aus dem Kulturzentrum nach Hause ging. Es war der Beginn einer schönen Mittelohrentzündung, die mich für die nächsten eineinhalb Wochen außer Gefecht setzte. Neben der Langweile vom Im- Bett- liegen war das Schlimmere wohl eher die Begegnung mit der medizinischen Versorgung vor Ort. Die Krankenschwester in der öffentlichen Gesundheitsstation kam noch nicht einmal auf die Idee mir ins Ohr zu schauen, sodass ich von Glück sprechen kann, dass zur Zeit eine italienische, zur Krankenschwester ausgebildete Freiwillige bei Casa do Menor ist, die mich etwas genauer unter die Lupe nahm und mir ein Antibiotikum gab. Als aber keine Besserung zu erkennen war, konsultierte ich neben einem Arzt im nahe gelegenen Nova Iguaçu einen weiteren in Rio de Janeiro selbst. Dort fühlte ich mich gut behandelt und konnte auf die Hilfe vertrauen. Das war nämlich das eigentliche Problem: „Wem kann ich vertrauen? Wer weiß was zu machen ist? Wer macht mich wieder gesund?“ Zuhause war das für mich immer klar: „Meine Mutter, mein Hausarzt, die wissen wie ich gesund werde.“ Weiterhin war ich erstaunt darüber, was man mit Geld alles machen kann. Sobald ich ein paar Scheine über den Tresen zur Sekretärin wandern lasse, werde ich unter besten und hochmodernen Bedingungen medizinisch behandelt. Habe ich nur ein paar Münzchen, stelle ich mich in der Hitze in die 100 Meter Menschenschlange, um von einer schlechten Krankenschwester in einem „Posto de saude“ (öffentlichem Gesundheitsposten) abgefertigt zu werden. Ich möchte ehrlich gesagt gar nicht daran denken, wie die mehreren Millionen Münzchenbesitzer in den Vororten Rio de Janeiros „versorgt“ werden…

Ab Mitte letzter Woche war ich wieder soweit hergestellt, dass ich dem chaotisch scheinenden Brasilianer mit der deutschen Organisationsfähigkeit unter die Arme greifen konnte. Es kam nämlich eine Spende der „Policia Federal“, der brasilianischen Grenzpolizei, von beschlagnahmter chinesischer Ware herein. Allerdings ist nicht die Rede von einem Kistchen, sondern von einer Ladung, die den ganzen Reisebus, den Sprinter und den Medizinbus füllte. Natürlich wurden alle Kartons planlos aufgerissen und schon an die Häuser verteilt bis Benjamin und ich anboten alles zu ordnen, um dann die Kleider- und Spielspende sinnvoller aufteilen zu können. Nach einem Tag Kistenschleppen –und stapeln hatten wir die wohl größte Spende an Casa do Menor in Jahren geordnet. Ich bin gespannt wie lange dieser Zustand noch anhält…

Die Arbeit im Kulturzentrum am Wochenende macht mich zur Zeit richtig glücklich und lässt mich etwas auf einer Wolke schweben. Es ist echt schön sich mit so vielen verschiedenen Menschen unterhalten zu können, spaßen zu können und einfach ein Teil seines Lebens verbringen zu können.


Die allerliebsten Grüße aus Miguel Couto

Moe

Dienstag, 20. Mai 2008

Lebenszeichen

Ja, ich lebe noch, und bis auf einen Husten geht’s mir richtig gut. Die letzten vier Wochen waren sehr außergewöhnlich, da meine Eltern und meine Schwester aus dem fernen Heimatland nach Brasilien kamen, um ihren Jüngsten zu besuchen und zu sehen, wo er sich überhaupt die letzten acht Monate rumgetrieben hat. Diese Situation an sich finde ich unglaublich spannend: meine Eltern, die mich mein bisheriges Leben immer beschützt und betreut haben, kommen an einen Ort, wo ich mich um sie kümmern und sie an die Hand nehmen muss (also genau umgedreht). Der Besuch war wohl für beide Seiten sehr bereichernd. Meine Familie hat durch ihre Aussagen und Ansichten viele Dinge noch einmal in einem anderen Licht erscheinen lassen, und meine Familie hatte die Möglichkeit meine Umgebung, mein Leben hier kennenzulernen. Da wir zwei größere Reisen unternahmen, durfte ich noch mehr von diesem unglaublich vielseitigen Land erfahren.

Die eine führte nach „Foz do Iguaçu“, im Staate Paraná am Länderdreieck Argentinien- Brasilien- Paraguay gelegen. Hier besuchten wir zwei Tage lang den Nationalpark rund um die „Cataratas do Iguaçu“ (Wasserfälle von Iguaçu). Es war wirklich atemberaubend dieses Naturspektakel, welches aus 150- 275 40- 90 Meter Hohen Wasserfällen besteht, zu beobachten. Dabei bildeten sich bei Sonnenschein unzählige Regenbögen in dem Dunst des in die Tiefe stürzenden Wassers. Einfach wunderschön!


So ungefaehr muss das Paradies aussehen...

...etwas nass wurde es auch....

...die Hauptattraktion: der "Teufelsrachen"!


Die andere beinhaltete das Abenteuer „Automieten –und fahren in Brasilien“. Mit viel Geduld musste ich zwischen der Autovermietungsangestellten und meinem Vater übersetzen, vermitteln, interpretieren, um die beiden, unterschiedliche Systeme gewoehnten Parteien auf einen Konsens zu bringen. Als wir dann aber schließlich das Auto hatten, waren wir nur in wenigen Stunden an einem herrlich einsamen, ruhigen Ort an der westlich von Rio de Janeiro gelegenen Küste, „Costa Verde“ (Grüne Küste) genannt, und genossen den Meerblick, das Papagaiengeschrei, etc. Das also ein krasser Kontrast zum Häusermeer Rio de Janeiros…Wir waren in einer sehr schönen Pousada untergebracht, wo es morgens diverse Früchte und selbsthergestelltes Gebäck und abends frisch gefischten Fisch gab. Fünf Nächte verbrachten wir dort und unternahmen allerlei Ausflüge an die zahlreichen Strände und das Kolonialstädtchen „Parati“. Nur drei Stunden außerhalb Rios scheint die Welt eine ganz andere zu sein: vom Atlantischen Regenwald bedeckte Berge, Ruhe, bei Nacht kann man unbesorgt herumlaufen,…

"Costa Verde"- im wahrsten Sinne des Wortes...

...Zeit zum relaxen...


...


Vier Tage nahmen wir uns, um etwas in diese wahnsinnige Stadt Rio de Janeiro reinzuschnuppern. Copacabana, Ipanema, Botanischer Garten, Zuckerhut, Christus, um nur ein paar Highlights zu nennen. Um meine Familie auch nicht von der Realität zu verschonen nahmen wir immer überall die öffentlichen Busse, was an sich immer schon ein Abenteuer und eine extreme nervliche Belastung darstellt (Klimaanlage auf Gefrierfacheinstellung, Stau, Stau, Stau, Stau, Stau, Stau, Stau, Stau, Stau, Stau Klimaanlage immernoch auf Gefrierfacheinstellung, St….). Es ist wohl wirklich eine Stadt zum Lieben und zum Hassen, wobei ich sie wohl eher liebe…


Die zwei Geschwister vor dem "Dois Irmãos"- Huegel am Ipanema- Strand...


...Favela und Christus.



Und natürlich verbrachten wir auch einige Tage hier in Miguel Couto bei Casa do Menor. Meine Eltern und meine Schwester wurden sehr herzlich empfangen und konnten sich davon überzeugen, dass ich mich hier in echt guten Händen befinde. Wir besuchten die Häuser, das Zentrum Casa do Menors mit seinen Ausbildungskursen, und auch das Kulturzentrum.


Auf dem Casa do Menor- Gelaende...

...im Kulturzentrum (der goldige Junge ist Alex).

Es war insgesamt eine tolle Zeit, die sicherlich auch in Zukunft im Verhältnis zu meiner Familie wichtig sein wird, da es noch mal etwas ganz anderes ist, gesehen zu haben, wie es denn wirklich „da drüben“ aussieht.

Jetzt freue ich mich aber auch auf die nächsten (letzten
:( ) vier Monate, die vor mir liegen, da die Zeit des Orientierens, Sprachelernens etc. vorbei ist und ich mich voll meinen Aufgaben und dem eigentlichen Leben widmen kann.

In diesem Sinne wünsche ich Euch allen alles Gute!!!!

Herzlicher Gruß aus Brasilien

Moritz




Dienstag, 8. April 2008

Der April, der April, …

…der macht was er will. Das ist wohl der richtige Spruch, was zum einen das wechselhafte Wetter, als auch die unregelmäßigen Abläufe die letzten zwei Wochen hier angeht.

Am Karfreitag verbanden Benjamin und ich einen Ausflug an die Copacabana damit zwei junge deutsche Damen, die zu dieser Zeit ein Praktikum an der deutschen Schule in Rio de Janeiro leisteten, abzuholen, um ihnen „Casa do Menor“ zu zeigen. Die zwei blieben das Wochenende in Miguel Couto, und ich war im Kulturzentrum beschäftigt. Zur Osternachtsmesse bin ich zu der katholischen Kirche hier in Miguel Couto gegangen, hatte aber nicht damit gerechnet, dass ich den Rückweg 3,5 Stunden später antreten werde. Da die Messe stark besucht war, fand diese nicht in der Kirche, sondern in dem fußballhallenähnlichen Gebäude nebenan statt. Nachdem die Osterkerze am Osterfeuer, und die Privat- Osterkerzen an der Osterkerze entzündet wurden, startete ein Umzug durch die Stadt, der wieder in der Halle endete und dort aufgrund des Kerzenscheins eine sehr schöne Stimmung entstehen ließ. Dort konnte ich dann meine Gedanken schweifen lassen, oder auch einen der 12 Lesungen lauschen.
Am folgenden Ostermorgen wurde
das in meiner Familie normalerweise als bestes des Jahres zelebrierte Frühstück durch ein Schälchen lauwarmen, drei Tage alten „Canjica“ (Art Milchreis) und zwei trockenen mit Magarine beschmierten Brötchen vom Vortag ersetzt. Aber unbedingt aus der Bahn geworfen hat mich dieser kleine Heimwehanfall nicht.

Am Dienstag wurde ich darum
gebeten ein recht langes Dokument, die Geschichte „Casa do Menors“, vom Portugiesischen ins Englische zu übersetzen, um dieses dann bei Unterstützungsanfragen im englischsprachigen Raum und auch für die die nicht portugiesischen sprechenden Gäste zu benutzen. Für diese etwas mühselige Arbeit benötigte ich dann auch 4-5 Tage.
Ebenfalls am Dienstag kam eine sehr gute Freundin meines Partners Benjamins, namens Claire, hier, in
dem vorher wohl sich nicht vorstellbaren Ort, an.

Am Donnerstag, den 27. März, nahm ich an der
Eröffnungsveranstaltung des „Forum Mundial de Educação Baixada Fluminense 2008“, einem Forum für Bildung, teil. Dabei wurde ein riesiger Umzug veranstaltet, bei dem Schülergruppen und Bands, darunter die Percussão- Gruppe von „Casa do Menor“, mitliefen, Plakate gehisst und Parolen gebrüllt wurden, und somit eher an eine Demonstration erinnerte. Das Forum besuchte ich nochmals am folgenden Samstag, als Pater Renato ein Vortrag über seine „Pedagogia- Presença“ hielt.

Am Freitag danach unternahmen Benjamin und ich, zusammen mit
einigen Betreuern und den Kindern der Häuser „Renascer“, „Reviver“ und „Ângelo“, den Häusern in denen wir bereits tätig waren, einen Ausflug nach Rio de Janeiro. Unser eigentliches Ziel des Ausfluges, der Besuch der Christusstatue auf dem Corcovado, konnte aufgrund einer Demonstration von Transportunternehmen vor Ort nicht erfüllt werden, was Benjamin und mich wohl mehr enttäuschte als die Kinder, die das ganze recht locker hinnahmen. Stattdessen sind wir auf eine Aussichtsplattform etwas unterhalb des „Cristo Redentor“ gegangen, von wo aus man ebenfalls eine wunderbare Sicht über diese wunderschöne Stadt hatte. Aus Sicherheits- und Übersichtsgründen fuhren wir dann zum „Praia Vermelha“, welcher direkt am Fuße des Zuckerhutes in einer Bucht liegt und nur wenige hundert Meter lang ist. Bevor die Kids sich aber in die Fluten stürzen konnten, kredenzten wir ihnen ein feines Lunch, welches Benjamin, Claire und ich am Vortag zubereitet hatten, und aus folgendem Bestand: Bananen, Hefezopf, Brötchen mit Schinken und Käse, Pudding, Kuchen und zum Trinken Wasser und Guarana (brasilianisches Erfrischungsgetränk). Als ca. 40 Kinder und Jugendliche ins Wasser rannten, sich von den Wellen treiben ließen, sich im Sand einbuddelten und spielten, wusste ich wie gut es diesen Kindern tut mal raus zu kommen und etwas anderes zu erleben. So viele glückliche Kindergesichter hatte ich lange nicht mehr gesehen!!! Trotz der Enttäuschung am Anfang war es ein echt toller Ausflug, welcher nur aufgrund der Gutherzigkeit eines Lehrers aus Benjamins Schule möglich war. VIELEN DANK dafür, auch im Namen der Kinder!!!!!

"Cristo Redentor"...

...Gruppenfoto...

...Casa Reviver...

...Benjamin, Zuckerhut,Stefania,Claire, Moe...

...Luiz Henrique, Falvio, Stefania, Ich, Jonathan (aka Macaco Louco)...

...Hefezopf- Session...

...Lunch am "Praia Vermelha"

Wer sich schon immer gefragt hat „Ist der Moritz eigentlich legal in Brasilien??“, kann ich beruhigen, denn letzten Donnerstag wurde mein Visum um ein Viertel Jahr verlängert. Auf der „Policia Federal“ habe ich auch erfahren, dass der Visumsausweis, den ich habe, eigentlich gar kein richtiger ist, sondern nur ein Übergangsdokument bis ich den echten Ausländerausweis bekomme. Dieser ist anscheinend schon über einem halben Jahr auf dem Weg von Brasilia hierher…

Am vergangenen Samstag fand im Kulturzentrum ein recht großes Fest satt, bei welchem die verschiedenen Aktivitäten eine Vorstellung des bisher einstudierten machten und zusätzlich noch eine Capoeiragruppe, sowie mehrere Tanzgruppen aus anderen Gemeinden ihr Können demonstrierten. Ich war derweilen beim Essens- und Getränkeverkauf behilflich. Es wurden Pizza und Hot Dog (ausgesprochen „Hotsche Dogi“) angeboten. Die Veranstaltung endete erst am späten Nachmittag. Danach wurde ich noch zum Geburtstagskuchenessen vom Geburtstagskind André, aka Tikin, (Tanzlehrer) eingeladen, was ich mir natürlich nicht entgehen lassen konnte.


Angela aus Casa Reviver und Ich

Morgen reise ich für drei Tage nach Brasilia, und folge damit der Einladung von Ana Paula, einer Brasilianerin, die zwei Monate als freie Mitarbeiterin für „Casa do Menor“ gearbeitet hat, und währenddessen in der Pousada lebte. Da wir uns sehr gut verstanden, freue ich mich schon auf diese kurze Reise.

Ich wünsche Euch allen alles Liebe und Gute

Abraço

Mauricio


Freitag, 21. März 2008

Frohe Ostern

Lange Zeit ist es eher, dass ich einen richtigen Blog- Bericht veröffentlicht habe. Das sollte allerdings kein Zeichen dafür sein, dass es mir hier nicht gut, ganz im Gegenteil: mir geht es echt gut und ich bin zufrieden mit meinem sehr abwechslungsreichen Tätigkeitsfeldern.

Ich arbeite nun schon seit fast zwei Monaten in „Casa Reviver“, dem Haus für Geschwisterkinder, in welchem zur Zeit 12 Mädchen und Jungen im Alter von 6 bis 16 Jahren wohnen.

Eingang von Casa Reviver...

...hinter dem Haus...

...die Veranda vor dem Haus.

Die meiste Zeit beschäftige ich mich mit den Jüngeren, die es lieben am „tio“ (Onkel), also mir, hoch zu klettern oder mich überraschend anzuspringen. Oft ist es schwierig den richtigen Mittelweg zwischen Spielkumpane und Autoritätsperson zu beschreiten.
Als letzte Woche ein Mitarbeiter Casa do Menors die Bäume des Nachbarhauses („Casa Herbalife“) gelichtet hatte, schnappte ich mir drei Jungs (12 Jahre), um ein kleines Fußballtor aus den Ästen zu basteln. Das Ergebnis ist hier zu sehen:

Jairinho mit dem "Tor"...

...Jairinho, Ruan und Reginaldo hinterm Haus...

...Ruan und Reginaldo.

Da das Gelände nicht besonders viel Raum zum Spielen und Austoben bietet, denke ich, haben sich die Jungs besonders über diese Neuigkeit auf dem Sandplatz hinterm Haus gefreut. An den drei Tagen in der Woche, an denen ich in „Casa Reviver“ bin, versuche ich den Kinder/ Jugendlichen etwas Abwechslung zu bieten. Manchmal backe oder bastele ich mit ihnen, oder gehe zu meinem alten Haus „Casa Renascer“, um sich dort im Schwimmbad etwas abzukühlen. Etwas Stolz auf mich und meine Sprachkenntnisse war ich, als ich das jüngste Mädchen in „Reviver“ alleine an der Schule angemeldet habe und das Gespräch mit der Schuldirektorin gut managen konnte.

Im Kulturzentrum, in dem ich immer Samstags und Sonntags arbeite, konnte ich einen Computer für die organisatorische Arbeit beschaffen, sodass ich nun angefangen habe, die auf Papier vorhandenen Informationen der „Mitglieder“ in den Computer einzuspeisen. Wie immer läuft das ganze etwas komplizierter als gedacht, da ich jedes Mal die Maus oder andere Teile des Computers aufsuchen muss, die meistens von den Bibliothekscomputerbenutzern entwendet wurden. Dennoch macht mir die Arbeit im Kulturzentrum echt viel Spaß, da sich dort nicht nur Kinder aus fast allen Häusern Casa do Menors versammeln, sondern auch Jugendliche aus der Gemeinde an den Aktivitäten teilnehmen, und ich somit mit vielen verschiedenen Menschen zu tun habe.


Eine weitere Neuigkeit ist wohl auch, dass ich mich seit Montag als offizieller Englischlehrer Casa do Menors vorstellen kann. Vor ein paar Wochen hatte mich Padre Renato gefragt, ob ich mir nicht vorstellen könnte einen Englischkurs für sowohl Mitarbeiter und Jugendliche Casa do Menors, als auch der Gemeinde anzubieten. Nach einiger Vorbereitungszeit konnte ich dann am Montag und Mittwoch von jeweils 17.00 bis 18.30 Uhr Unterricht an (leider nur) 10 Interessierte geben. Wenn die Schülerzahl konstant bleibt und keiner abspringt könnte das wohl eine ganz gute Lerngruppe werden. Für mich ist es auf jeden Fall eine Herausforderung die Verantwortung für eine Menschengruppe zu übernehmen und die zur Verfügung gestellte Zeit gut zu nutzen.

Letzten Freitag hatten Benjamin und ich unser großes Jubiläum hier in Brasilien, nämlich das Halbjährige (unglaublich, aber wahr). Es ist wahnsinnig schwer klare Gedanken zu finden, was das bisher vergangene, als auch das zukünftige angeht. Wo ich mir aber sicher bin, ist, dass ich jetzt noch nicht nach Hause gehen wollte (außer bei dem Gedanken an „Grüne Sauce“), und mich sehr auf die weiteren sechs Monate freue, die sicherlich den ersten sechs in Spannung, Überraschungen, Abwechslung und Erfahrungen nicht nachstehen werden.

Bei Traumwetter an der Copacabana...

Ich wuensche Euch allen ein schoenes Osterfest!
Es grüßt Euch herzlich aus Brasilien,
Euer Moritz