Freitag, 21. Dezember 2007

Weihnachtsvorbereitungen...

Gerade sitze ich in kurzer Hose in meinem Zimmer (da ich alles auf meinem Notebook vorschreibe und dann im „Lan House“ [Internetcafe] wegschicke) und habe den Ventilator auf mittlerer Stufe (die höchste Stufe bewahre ich mir für den Sommer auf) auf mich gerichtet, um etwas gegen die Hitze (ca. 35° Celsius) hier anzukämpfen, die es mir leider schwer macht in richtige Weihnachtsstimmung zu kommen. Dennoch habe ich vorletzte Woche die Weihnachtssaison eingeläutet, als ich zusammen mit Benni zwei Tage lang in der Küche der Pousada stand und wir fünf verschiedene Sorten köstlicher deutscher Weihnachtsplätzchen gezaubert haben: Kokosmakronen, Zimtbällchen, Schoko- Schnitten, Spritzgebäck, Liebesbriefchen. Das ganze lief ab auf Wunsch von Pe. Renato, aber wir hatten auch eine Menge Spaß dabei (vor allem als wir feststellten, dass sich Brasilien nicht unbedingt für Schokoladenplätzchen eignet...;)). Die vorzüglich schmeckenden Plätzchen befinden sich nun in der „Paderia“ (Bäckereigeschäft) Casa do Menors und werden dort verkauft.Ein weiteres Indiz für den Beginn der heiligen Zeit sind die Dekorationsarbeiten in der Pousada. Anfang letzter Woche hat Eunice zwei Weihnachtsbäume und weitere weihnachtliche Verziehrungen vom Schrank geholt und damit begonnen die Pousada zu schmücken. Dabei war ich ihr gerne behilflich, auch wenn dabei viel Schweiß floß.

Ich befürchte, dass in den nächsten Tagen auch nicht mehr Weihnachtsgefühle in mir geweckt werden, aber ich wünsche Euch dennoch eine schöne, hoffentlich nicht stressige Weihnachtszeit!

In den vergangenen sieben Tagen ist mal wieder einiges passiert. Zum einen war ich letzten Donnerstag Abend zusammen mit Kids und Mitarbeitern, sowie Pe. Renato und den zur Zeit Casa do Menor- besuchenden Italienern im italienischen Konsulat in Rio Centro. Der Anlass des Besuches war die Buchvorstellung des von Pe. Renato auf Italienisch verfassten Buches „In Strada“ (in der Straße). Doch bevor diese begann, legten ein paar Jungs und Maedels von Casa do Menor eine mitreißende Bühnenshow mit Perkussion und Capoeira hin. Die Buchvorstellung an sich war nicht allzu lang, wohl weil sich schon alle auf die feine italienische Pasta und Panetone freuten, was danach serviert wurde...Mir hat sehr gut gefallen wie Pe. Renato den Titel seines Buches erklärte. Er meinte nämlich, dass dieses Buch nur das Sprachrohr für diejenigen sei, die nicht die Möglichkeit haben ihre Stimme zu erheben, um über sich zu berichten, um zu kritisieren, um auf sich aufmerksam zu machen etc., die auf der Straße leben....

Der Freitag begann bereits um 5 Uhr in der Frühe, als ich nämlich von Cicero und Claudio mit dem Auto abgeholt wurde, um zu Casa Rafael (das vor erst einem Jahr erhaltene Haus im Zentrum Rios, welches vor allem als direkter Anlaufpunkt für Straßenkindern genutzt werden kann) zu fahren, wo noch letzte Übergabebesprechungen zwischen Cicero und Claudio ablaufen sollten, da Cicero mit einer Gruppe von ca.12 Personen nach „CdM Fortaleza“ geht und Claudio seine Arbeit als Verantwortlicher von Casa Rafael fortführt. Aufgrund Ciceros Stadtkenntnissen kamen wir bereits zweieinhalb Stunden später dort an (ohne Schleichwege hätten wir vermutlich über eine Stunde länger gebraucht). Zunächst habe ich das Haus etwas erkundet und danach den dortigen Computer etwas benutzbarer gemacht. Wie bei fast allen Häusern CdMs ist das Haus an sich absolut genial, doch leider ist es auch sehr renovierbedürftig (bei Regen überall Wasser im Haus!). Nach dem Mittagessen gings weiter, und zwar nach Rocinha, eine der wohl bekanntesten Favelas Rio de Janeiros. Sie ist auf einem der zahlreichen Hügel gelegen, sodass sich eine enge Hauptstrasse hindurchschlängelt. Dort haben wir uns mit einem Jungen getroffen, der bereits einmal in CdM war und in den „traffico“ involviert ist. Danach erzählte mir Cicero, dass wohl (wenn man genau geschaut hat) überall Personen am Informationsdurchgeben per Handy und im Hintergrund sicherlich bewaffnete „trafficantes“/ Einwohner/...waren. Ein etwas seltsames Gefühl im Bauch hatte ich schon, doch in Gefahr habe ich mich niemals gefühlt...

Am Sonntag war ich zunächst auf dem Weihnachtsfest der Häuser im Kulturzentrum, wo es zunächst ein paar Aktivitäten wie Fußball und Schwimmen, dann Mittagessen und am Schluss Geschenke für jeden gab (so ähnlich wie Weihnachten im Schuhkaton). Nach dem Mittagessen habe ich die Festlichkeiten allerdings verlassen, da ich am Nachmittag zu der Jahresfeier einer Englisch- und Spanischschule eingeladen war. Ich war erstaunt zu sehen/ zu hören, dass Brasilianer ja doch Englisch sprechen können....Abends bin ich dann noch mit ein paar Leuten in eine Karaokebar gegangen, was ein Riesenspaß war.

So langsam bekomme ich auch eine Übersicht über die „cidade maravilhosa“. Viel dazu beigetragen hat der Riotrip am Montag. Zunächst war ich völlig davon beeindruckt wie Cicero inmitten Rio Centro (das kommerzielle Zentrum Rios) einen sehr einfach erreichbaren, kostenfreien Parkplatz gefunden hat. Wir (Benni, Emanuele [Italiener] und ich) begleiteten Cicero, der nämlich einen Brief abgeben musste, und konnten dadurch etwas zwischen den Hochhäusern herumschlendern und dadurch den Eindruck gewinnen, dass wir vielleicht doch nicht in Rio sind, sondern in New York City. Doch dann ging es zum eigentlichen Ziel des Tages: der auf dem Corcovado gelegene und zu den Weltwundern zählende Christo Redentor. Unser Weg führte zunächst durch den Stadtteil St. Teresa und dann durch den Dschungel bis (fast) zum Christo. Nach der Freude endlich an diesem weltberühmten Ort zu sein stellte sich bei mir etwas Trauer ein, da dicke Wolken die Sicht auf die Umgebung verdeckten und Christo, wie so oft, mit dem Kopf und vor allem den Händen im Nebel lag. Doch zum Glück kam dann doch noch die Sonne durch, sodass uns ein fantastischer Ausblick über die wunderschöne Stadt geboten wurde und folgende traumhafte Fotos entstehen konnten.



Christo Redentor ...



...Christo...



...Moe und Christo...

...Blick auf Ipanema...



...Blick Richtung Baixada, mit Maracana vorne links...

Von einer etwas niedriger gelegenen Aussichtsplattform präsentierte sich die Stadt in noch schönerem Lichte, was in folgenden Fotos leider nur ansatzweise wiedergegeben werden kann.



...Pão da Açucar...


...Cicero und ich...

...kurz nach dem Aufstehen.


Nach der Touri- Tour fuhren wir in die Nähe des Busbahnhofes, wo wir uns mit Pe. Renato, den Italienern und ein paar CdM- Kids trafen, um mit den dortigen Straßenkindern ein kleines Weihnachtsfest zu feiern. Der jüngste Teilnehmer unter den Straßenkindern war ein ein Monat altes Baby, was am Ende zusammen mit ihrer Mutter mit nach Miguel Couto kam. Es war mittlerweile das dritte Mal, dass ich beim Besuch der Kinder dabei war, sodass ich ein paar wiedererkannt habe. Ich fühle mich nicht mehr ganz so verloren und hilflosen zwischen den Kindern wie das beim ersten Mal der Fall war. Das liegt wohl vor allem daran, dass ich jetzt in etwas weiß, was mich erwartet. Den Dienstag habe ich im Büro verbracht, da ich die Ehre hatte zwei Projekte vom Portugiesischen ins Deutsche zu übersetzen.


Wie zuvor wünsche ich Euch allen eine schöne Weihnachtszeit!

Braungebrannt und fröhlich grüsst der Moritz aus Brasilien...

Mit Marcos beim Pfannkuchenmachen...

...der Meisterkoch.







Dienstag, 4. Dezember 2007

Kontrastprogramm...

...genau dieses habe ich am Freitagabend erlebt, als ich zusammen mit den fünf zurzeit in Casa do Menor arbeitenden Italienern, Benjamin, Padre Renato und drei Mitarbeitern Casa do Menors (die Verantwortlichen für „Casa Rio“- das Haus Casa do Menors mitten im Centro Rios- und die auch als „Streetworker“ taetig sind) in die Innenstadt Rios gefarhen bin.Zunächst sind wir in die Nähe des weltweit größten Busbahnhofes gefahren, und zwar an einen Ort, wo gewöhnlich sehr viele auf der Straße lebende Kinder anzutreffen sind. Die Streetworker Casa do Menors gehen dort wohl regelmäßig zwei mal die Woche hin, um mit den Kindern/ Jugendlichen zu sprechen, sodass diese bereits mit einem Teil der Gruppe vertraut waren. Es lag der Geruch von Klebstoff in der Luft, was aber auch nicht verwunderlich war, da jedes Kind entweder eine mit Klebstoff gefüllt Plastikflasche oder eins in Klebstoff getunktes T-Shirt in der Hand hielt. Dementsprechend waren die schätzungsweise zwischen 10 und 16 Jahre alten Kinder berauscht und schienen ziemlich weit weg, in einer anderen Welt (was aber leider wiederum die Realität ist) zu leben. Ich war daher überrascht wie offen die Kinder mich umarmt und mit mir gesprochen haben. Ein Mädchen haben wir ins Krankenhaus gebracht, da diese aufgrund eines Schlages ihres Bruders mit einer Eisenstange völlig zugeschwollene Augen und wie man dem Schreien entnehmen konnte starke Schmerzen hatte.

Danach ging es zur Sambaschule, wo bis Karneval Anfang Februar jeden Tag eine andere Sambaschulen trainiert, und der Eintritt dafür frei ist. Der Durchlauf aller Tänzer (mehrere Tausend) begann nach brasilianischer Zeit pünktlich mit eineinhalb Stunden Verspätung. Es war sehr ausgelassene Stimmung, und auf den Tribünen wurde viel mitgetanzt und mitgesungen, sowie die Sambaschule „Beija Flor“ angefeuert. Nach dieser kleinen Einstimmung auf Karneval fuhren wir noch zum Stadtteil „Lapa“, wo ein Club bzw. eine Bar nach dem anderen ist, aber ein Großteil der Party einfach nur auf der Straße stattfindet. Dann, um 00.30 Uhr, kam ich noch in den Genuss am weltbekanntesten Strand „Copacabana“ feinstes Kokoswasser aus einer feinen Kokosnuss zu schlürfen.

Der Abend hat bei mir auf jeden Fall viele Fragen aufgeworfen...

Bericht November 2007

In diesem Monat war mir sehr viel Abwechslung geboten, was vor allem an den vielen internationalen Besuchen (zwei Deutsche, ein Engländer, sechs Kubaner, fünf Italiener und sechs Deutsche) lag, da ich die Möglichkeit hatte die Besucher auf ihrer „Casa do Menor- Kennenlern- Tour“ zu begleiten und somit mir noch unbekannte Einrichtungen/ Orte zu erkunden und einen weiteren Einblick in die vielseitige, sinnvolle und schöne Arbeit von Casa do Menor zu erhalten. Zu den besuchten Orten zählen die „Fazenda da Esperança“ in Teresopolis und Guapimirim (Drogenentzugtherapie durch Selbstversorgung auf einem Bauernhof), „Casa do Menor Rosa dos Ventos“ (Kindergarten, Schule, Kulturzentrum und Ausbildungskurse im nahegelegenen Ort Rosa dos Ventos) und Vila Claudia.Teilweise konnte ich schon meine wachsenden Sprachkenntnisse unter Beweis stellen, als ich zum Beispiel bei den Ausflügen Übersetzungshilfe leistete, oder auch für die Touristikleitung die Regeln der Pousada zum einen ins Deutsche und zum anderen ins Englische übersetzte.

Bisher habe ich zwei Tage in Casa Angelo (8- 14- jährige Jungs) verbracht und somit den Ablauf eines anderen Casa- Lares schon etwas kennengelernt. Der Umgang mit den Kindern dort weicht von dem mit den Kindern/ Jugendlichen in Casa Renascer ab, da ich dort viel mehr als Autoritätsperson gesehen werde als ein Kumpel (was beides durchaus gut ist, wie ich finde!). Mein Ersatzdienstpartner Benjamin und ich haben in Casa Angelo ein Lagerfeuerabend mit Stockbrot veranstaltet, worüber sich die Jungs wahnsinnig gefreut haben.

Die meiste Zeit habe ich aber weiterhin in Casa Renascer verbracht, wo ich jetzt zum erstmal mitgekriegt habe, dass sich die Besetzung der Häuser immer im Wandel befindet, da zum einen Jugendliche in ein anderes Haus oder nach Zuhause ziehen und somit neue Jungs aus der Erststationierung in Tinguá nachrücken können oder zum anderen es einige Jungs wieder auf die Straße oder zum vorherigen Leben zurückzieht. Ich denke, dass ich ein (sehr) gutes Verhältnis zu den Jungs habe, und einen guten Mittelweg zwischen Spaßerei und Ernsthaftigkeit/ Respekt gefunden habe. Freitags begleite ich zwei der Jungs zum (Lese-) Nachhilfeunterricht im benachbarten Bairro.Als ich dennoch Ende des Monats das Gefühl hatte auf der Stelle stehen zu bleiben (nach ca. 10 Wochen Casa Renascer), kam die Frage des Leiters des Kulturzentrums (CIDAH) Stefio, ob ich ihm nicht bei seiner Arbeit etwas behilflich sein kann, gerade richtig. Seine Anfrage beinhaltet folgende zwei Arbeitsbereiche:1. Wiederaufnahme des Schwimmunterrichts, welchen mein Vorvorgänger und mittlerweile Halbbrasilianer, ins Leben gerufen hatte (voraussichtlicher Beginn am 01.Dezember)2. Unterstützung bei der bürokratischen Arbeit des Kulturzentrums (Immatrikulation neuer Kinder/ Jugendliche, sowie Ergänzung und Pflege der Unterlagen bereits immatrikulierter Kinder/ Jugendliche)Mit letzterem habe ich bereits begonnen. Ich bin auf jeden Fall sehr glücklich über die Änderung und bin gespannt auf die Herausforderungen, die mich bei der Arbeit im Kulturzentrum erwarten.
Nach 10 spannenden, erfahrungs- und ereignisreichen Wochen fühle ich mich in meiner neuen Heimat unheimlich wohl und genieße es mit den liebevollen Mitarbeitern und- menschen zu arbeiten und zu leben.