Dienstag, 10. Juni 2008

Die Woche nach dem Besuch meiner Eltern und meiner Schwester verbrachte ich in Casa Reviver. Es waren die letzten Tage zum einen in dieser Hausbesetzung, denn die Kinder wurden wegen Umbaumaßnahmen im Haus auf zwei aufgeteilt, und zum anderen für mich in diesem Haus, da ich nach der Aufteilung im Schnitt nur mit zwei Kindern beschäftigt gewesen wäre (die anderen gehen in die Schule, machen einen Ausbildungskurs, arbeiten etc.). Im Rückblick auf die Zeit in Casa Reviver muss ich sagen, dass es mir sehr schwer fiel ein intensives Verhältnis zu den Kindern aufzubauen. Dafür gibt es wohl mehrere Gründe. Einerseits hatte ich Schwierigkeiten den verschiedenen Altersklassen (unterschiedlichen Geschlechts) entsprechend Aktivitäten anzubieten und andererseits war ich in einige andere Aufgaben involviert (Kulturzentrum, Übersetzungen,…), sodass ich nicht kontinuierlich im Haus präsent sein konnte. Die letzten drei Monate werde ich wieder in das alte neue Haus Renascer gehen. Dort werde ich nun mit meinen deutlich besseren Sprachkenntnissen und um einige Erfahrungen reicher eine ganz andere Art von Arbeit leisten können. Ich denke es ist der richtige Schritt, um dieses Jahr abzurunden und für mich noch einiges rausziehen zu können. Zudem ist das Haus auch teilweise neu besetzt und renoviert :).

Am letzten Sonntag im Mai fing die wohl bisher schwierigste Zeit hier in Brasilien an, als ich fast ohne Gehör und höllischen Ohrenschmerzen frühzeitig aus dem Kulturzentrum nach Hause ging. Es war der Beginn einer schönen Mittelohrentzündung, die mich für die nächsten eineinhalb Wochen außer Gefecht setzte. Neben der Langweile vom Im- Bett- liegen war das Schlimmere wohl eher die Begegnung mit der medizinischen Versorgung vor Ort. Die Krankenschwester in der öffentlichen Gesundheitsstation kam noch nicht einmal auf die Idee mir ins Ohr zu schauen, sodass ich von Glück sprechen kann, dass zur Zeit eine italienische, zur Krankenschwester ausgebildete Freiwillige bei Casa do Menor ist, die mich etwas genauer unter die Lupe nahm und mir ein Antibiotikum gab. Als aber keine Besserung zu erkennen war, konsultierte ich neben einem Arzt im nahe gelegenen Nova Iguaçu einen weiteren in Rio de Janeiro selbst. Dort fühlte ich mich gut behandelt und konnte auf die Hilfe vertrauen. Das war nämlich das eigentliche Problem: „Wem kann ich vertrauen? Wer weiß was zu machen ist? Wer macht mich wieder gesund?“ Zuhause war das für mich immer klar: „Meine Mutter, mein Hausarzt, die wissen wie ich gesund werde.“ Weiterhin war ich erstaunt darüber, was man mit Geld alles machen kann. Sobald ich ein paar Scheine über den Tresen zur Sekretärin wandern lasse, werde ich unter besten und hochmodernen Bedingungen medizinisch behandelt. Habe ich nur ein paar Münzchen, stelle ich mich in der Hitze in die 100 Meter Menschenschlange, um von einer schlechten Krankenschwester in einem „Posto de saude“ (öffentlichem Gesundheitsposten) abgefertigt zu werden. Ich möchte ehrlich gesagt gar nicht daran denken, wie die mehreren Millionen Münzchenbesitzer in den Vororten Rio de Janeiros „versorgt“ werden…

Ab Mitte letzter Woche war ich wieder soweit hergestellt, dass ich dem chaotisch scheinenden Brasilianer mit der deutschen Organisationsfähigkeit unter die Arme greifen konnte. Es kam nämlich eine Spende der „Policia Federal“, der brasilianischen Grenzpolizei, von beschlagnahmter chinesischer Ware herein. Allerdings ist nicht die Rede von einem Kistchen, sondern von einer Ladung, die den ganzen Reisebus, den Sprinter und den Medizinbus füllte. Natürlich wurden alle Kartons planlos aufgerissen und schon an die Häuser verteilt bis Benjamin und ich anboten alles zu ordnen, um dann die Kleider- und Spielspende sinnvoller aufteilen zu können. Nach einem Tag Kistenschleppen –und stapeln hatten wir die wohl größte Spende an Casa do Menor in Jahren geordnet. Ich bin gespannt wie lange dieser Zustand noch anhält…

Die Arbeit im Kulturzentrum am Wochenende macht mich zur Zeit richtig glücklich und lässt mich etwas auf einer Wolke schweben. Es ist echt schön sich mit so vielen verschiedenen Menschen unterhalten zu können, spaßen zu können und einfach ein Teil seines Lebens verbringen zu können.


Die allerliebsten Grüße aus Miguel Couto

Moe

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