Dienstag, 15. Juli 2008

02:10

Das ist das Monatsverhältnis (und nicht das gefühlte EM- Finalspielergebnis). Vor zehn Monaten bin ich hierher gereist, in zwei Monaten bin ich schon wieder seit zwei Tagen zu Hause. Auch wenn ich nun schon zum zweiten Mal für so „lange“ Zeit weg bin, weiß ich doch wo meine Wurzeln sind, wo ich zu Hause bin. Ich stelle zwar fest, dass sich der Mensch wohl an fast alle Umstände anpassen kann, doch einige Dinge vermisse ich dann doch mittlerweile: warmes Duschen, alltägliches Kaffee- und Kuchenritual meiner Familie usw.

Ich kann Euch versichern: hier wird es nicht gerade weniger spannend! Ende Juni nutzte ich die Möglichkeit und ging zusammen mit einer Gruppe Jugendlicher aus dem Kulturzentrum in das Kinder- und Jugendgefängnis (Untersuchungsaft) „Instituto Padre Severino“. Dort präsentierten wir den zwischen 12 und 18 jährigen Jugendlichen einen traditionellen nordostbrasilianischen Tanz, um ihnen am Johannestag etwas Abwechslung zu bieten und Aufmerksamkeit zu geben. Verängstigt durch Warnungen von Casa do Menor- Jungs, die diese „escola de crime“ (Schule des Verbrechens) bereits durchliefen, und gelesenen Artikeln über das Gefängnis (bis zu dreißig Kinder in einer Zelle, ohne Bett, ohne Nix, und einem Loch im Boden für das Geschäft), trat ich durch die Tür in der mindestens 8 Meter hohen Mauer. Zunächst musste alles was als Waffe benutzt werden könnte abgegeben werden. Es waren bereits die ganze Zeit ein wahnsinniges Getöse und Gebrülle und Geklatsche zu vernehmen, was mich an eine typische Hollywoodfilmgefängnisszene denken ließ. Durch mehrere Sicherheitsschleusen durch kamen wir dann in eine Halle, wo ich zunächst niemanden sah, nur hörte. Dann sah ich die „Verbrecher“ (Verbrecher oder Opfer der Gesellschaft??), Kinder und Jugendliche, in Sandalen, Shorts und T- Shirt in Reihen auf dem kalten Betonboden sitzen. Die Vorstellung begann und bei jeder Drehung, bei der sich die Kleider der Tänzerinnen in die Luft hoben, grölte die Menge von etwa 200 Jungen. Ich fühlte mich allerdings alles andere als wohl. Augenkontakt ja oder nein? Wirken meine Blicke vorwurfsvoll, eingebildet, überheblich? Schaue ich nicht, wirke ich arrogant? Die Bilder von diesen Kindern, die für die Delikte von Eierklauen bis Mord für mindestens 45 Tage dort festgehalten werden, gingen mir so schnell nicht mehr aus dem Kopf. Was habe ich denn mit 15 Jahren gemacht? Was erlebt ein durchschnittlicher deutscher Junge mir 12 Jahren?

Am letzten Samstag im Juni war ich in die deutsche Schule in Rio, namens „Corcovado“, geladen. Dort sollte im Rahmen einer Berufsberatungswoche Ersatzdienstleistender Moritz über seine Arbeit und sein Leben erzählen und danach auf die Fragen der Schüler antworten. Das ganze ging glatt über die Bühne und ich bekam sogar leckere Pralinen geschenkt.

Die Pousada macht ihrem internationalen Ruf wieder alle Ehre. Zur Zeit sind nämlich zusätzlich zu Benni und mir drei Deutsche (Freundin, Bruder und Cousine von Benni), drei Italiener und eine Französin (aus portugiesischem Elternhaus) hier untergebracht. Ein außergewöhnlich bereichender „Besuch“ war der eines Schweizer Journalistenteams (ein Journalist und eine Fotografin), die im Auftrag der Schweizer Charitas zu Casa do Menor kamen, um die Lebensgeschichte eines Jungen Casa do Menors in den wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, politischen Zusammenhang Brasiliens zu bringen. Meine Aufgabe für deren neuntägigen Aufenthalt war es zu übersetzten, zu organisieren und zwischen Casa do Menor und ihnen zu vermitteln. Diese Zeit war auf jeden Fall sehr anstrengend, doch ich hatte die einzigartige Möglichkeiten Informationen direkt von der Front des Handelns zu erhalten. Das Programm sah folgendermaßen aus:

Samstag
Auswahl des Protagonisten (Person, die im Bericht im Mittelpunkt stehen wird- Jonathan aus Casa Renascer)
Gespräch mit dem Protagonisten

Sonntag
Fotoshooting für das Titelbild mit dem Protagonisten
Gespräch mit Protagonist

Montag
11.00 Uhr: Interview mit Jugendamtleiter in Vila de Cava (es gibt im ganzen Stadtgebiet Nova Iguaçus nur 5 Jugendämter mit jeweils 10 Mitarbeitern, und das für etwa 1 Mio. Einwohner!!!)
14.00 Uhr: Interview mit Marli, Ministerin für Bildung und Gesundheit in Nova Iguaçu

Dienstag
12.00 Uhr: Fotoshooting des Protagonisten in Casa Renascer
14.00 Uhr: Interview mit Direktor des “Escola João Luiz Alvez“- Kinder- und Jugendgefängnisses
19.00 Uhr: Fotoshooting in der Schule des Protagonisten

Mittwoch
09.00 Uhr: Interview mit dem österreichischen Gemeindepfarrer Miguel Coutos
12.00 Uhr: Fotoshooting des Protagonisten beim Mittagessen in Casa Renascer
16:00 Uhr: Fotoshooting des Protagonisten während des Ausblidungskurses

Donnerstag
10.00 Uhr: Besuch und Fotos von Straßenkindern in Lapa (Stadtteil Rio de Janeiros)
11.00 Uhr: Interview mit dem Leiter des „Centro de Defesa da Criança e Adolescente“ (Zentrum für die Verteidung von Kindern und Jugendlichen) und des Sozialprojektes „São Martinho“
13.00 Uhr: Mittagessen in Casa Rafael (das Haus Casa do Menors im Zentrum Rios)
15.00 Uhr: Interview mit Siro Darlan, vorsitzender Richter und Praesident des "Conselho Estadual dos Direitos da Crinaça e do Adolescente"
(Rat der Rechte von Kindern und JUgendlichen im Staat Rio de Janeiro)
17.00 Uhr: Interview mit dem Polizeichef der Anti- Entführungseinheit des Staates Rio de Janeiros

Freitag
Fotos des Protagonisten im Kulturzentrum

Samstag
Fotos und Gespräch bei Besuch der Mutter des Protagonisten

Sonntag
Riotouritour


Fazit
Also einfach klasse!!!


Seit einer Woche ist aber wieder der „Alltag“ eingekehrt und ich gehe drei Tage die Woche nach Casa Renascer und am Wochenende ins Kulturzentrum. Da „pai social“ (Sozialarbeiter) Marcelo aus Casa Renascer und ich ein deutsch- brasilianisches Restaurant in Deutschland eröffnen werden, ließ ich ein Restaurantsymbolmalwettbewerb starten. Das folgende Logo ist also demnächst in ganz Deutschland zu sehen:



Seit dem letzten Blogeintrag gab es außerdem noch zwei Gründe zu jubeln:

1. Ich bin nun stolzer Besitzer eines Ausländerausweises
2. Der Casa do Menor- Junge, der erschossen wurde, stand auf einmal vor mir auf einem Fest und machte einen ziemlich lebendigen Eindruck. Das ganze war zum Glück nur ein Fehlalarm gewesen.


So, jetzt wisst Ihr Leser wieder ungefähr was hier drüben abgeht.

Die herzlichsten Grüße aus dem winterlichen Brasilien

Moe

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