Die „Arbeit“ in Casa Renascer macht eigentlich immer mehr Spaß, da das Verhältnis zu den Jungs vertrauensvoller und generell besser geworden ist. Es gibt Momente, wo wir uns lachend in den Armen liegen, zum Beispiel, wenn einer Jungs versucht den englischen Liedtext aus dem Radio nachzusingen (da wird aus „beautiful girl“ schon mal „tjutiful tirl“) oder wenn jeder seine Tanzkünste auf die Musik im Radio demonstriert. Ich weiss jetzt schon, dass ich alle vermissen werde, wenn ich auch nur das Haus wechsele.
Ich kriege immer mal wieder einen kleinen Einblick in die Vorgeschichte der Jungs, sei es durch Gespräche mit ihnen selbst oder mit einem der pais socias. Doch so wirklich realisieren kann ich nicht, was ich dort zu hören kriege (das ist womöglich auch besser so). Ein Junge, dessen Familie (10 Geschwister, einer davon ermordert) in einer Favela in Rio lebt, kann zum Beispiel nicht nach Hause zurückkehren, da er dort auf der Abschussliste steht....
Am Freitag habe ich den ganzen Mittag und beginnenden Abend geholfen die CIDAH- Einrichtung für die 21- Jahre- Casa do Menor- Feier am Samstag herzurichten. Meine Aufgabe bestand darin (zusammen noch mit 2-3 Helfern) eine riesige (halboffene) Turnhalle zu säubern – und zwar mit zerrupften Besen im Miniaturformat. Das Ergebnis war eine wunderschön saubere Halle und zwei von Blasen geplagte Hände. Die Arbeit hatte sich auch wahrlich gelohnt, da am Folgetag alle Kinder und Jugendlichen aus allen Häusern (insgesamt sind es 10 Häuser) anwesend waren und durch verschiedene Auftritte der CIDAH- Kurse (Tanzen, Percussion,...) unterhalten wurden. Allerdings wurde nicht der ganze künstlerisch- athletische Reichtum präsentiert, da sich eine ausgewählte Gruppe von Jugendlichen zur Zeit in Europa (Deutschland, Italien, sogar Audienz beim Papst) befindet bzw. heute zurückkommmt. Am morgigen Donnerstag finden weitere Festlichkeiten statt.
Von der Zeitumstellung scheinen hier alle noch nach einer Woche (vom 14. auf den 15. Oktober wurde eine Stunde vorgestellt, sodass ich jetzt nur noch 4 Stunden hinter deutscher Zeit bin [ab dem Wochenende dann noch 3 Stunden]) gebeutelt zu sein, sodass die morgendlichen Andachten immer etwas verspätet anfingen. Was das Zeitgefühl hier angeht, läuft alles ziemlich relaxed ab. So habe ich zum Beispiel am Sonntag zusammen mit noch einigen anderen Kindern und Jugendlichen vor der CIDAH gewartet bis aufgeschlossen wird, doch der Schlüsselinhaber war nach 1,5 Stunden immer noch nicht aufzufinden, sodass das Ganze ins Wasser fiel. In Deutschland wäre wohl jeder (inklusive ich) schon an die Decke gegangen, doch irgendwie hat mir das hier überhaupt nichts ausgemacht bzw. in anderen Situationen auch noch nicht – das ist vermutlich auch abhängig von der „Wichtigkeit“ des Treffens etc.
Ich denke meine Portugiesischkenntnisse machen schon etwas Fortschritte. Das Lernen fällt auf jeden Fall schon leichter, da ich aufgrund der ständigen Konfrontation mit der Sprache ein besseres Gefühl für diese entwickelt habe. Außerdem fällt mir auf, dass es sehr stark personenabhängig ist, wie gut ich das Gesprochene verstehe. Mein Sprachkönnen erlebt also häufig ein Auf- und Ab innerhalb eines Tages.
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1 Kommentar:
Ich hoffe für Dich, daß "0i" hallo bedeutet und nichts Unanständiges.
Das gesprochene Portugiesisch hat nichts mit den sonstigen romanischen Sprachen zu tun, bei denen man ja den ein oder anderen Brocken versteht, wenn man eine von ihnen mal gelernt hat. Davon konnte ich mich in Lisboa überzeugen, als wir kürzlich dort waren. Um so größer meine Anerkennung, daß Du und Tim das jetzt zu verstehen scheint.
Auf den Fotos läufst Du barfuß rum. Soll das abhärten bis die Hornhaut so dick ist, daß Scherben keine Chance haben?
Was hast Du vor, wenn Du Dein jetziges Casa verläßt?
Bis dann ... und soll ich Dir nen Schermche schicke?
Grüß Dich
Rolf
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