Montag, 23. Juni 2008

News aus Brasilien

In den letzten zwei Wochen hat sich wieder einmal einiges ereignet. Daher wuensche ich Euch schoenes Lesen meines Berichtes:


Traurig musste ich feststellen, dass
die von Benjamin und mir in Ordnung gebrachte Kleiderspende wieder einem Schlachtfeld glich, als ich nämlich aufgetragen bekam einige Kleidungsstücke für die Casa do Menor- Zweigestelle in Fortaleza auszusortieren. Nach Aussage meiner Verantwortlichen kann sie diese Aufgabe niemand anderem auferlegen, da sie nur mir vertrauen kann, dass ich nichts mitgehen lasse wuerde. Bei Casa do Menor verdient ja keiner viel Geld, sodass jeder gerne bei einer solch großen Kleiderspende was abkriegen möchte…

Wie bereits angekündigt arbeite ich nun wieder drei Tage die Woche in
Casa Renascer. Dort sind zurzeit 12 Jungs untergebracht, vier davon erst seit kurzer Zeit. Mit diesen vieren beschäftige ich mich auch zum Großteil, da sie momentan weder in die Schule gehen, noch einen Ausbildungskurs machen, da sie wie gesagt erst vor kurzem von der „Erstaufnahme“ in Tinguá nach Renascer gekommen sind und Schul- und Ausbildungsbeginn erst im August ist. Ich konnte bisher schon viel bessere Gespräche führen wie in der ganzen ersten Zeit in diesem Haus am Anfang meines Aufenthaltes. Ein 15 jähriger erzählte mir einiges über sein Leben. Seinen Vater kennt er nicht; seine Mutter genauso wie seine Großeltern sind Alkoholiker; wenn sie betrunken sind schreien sie auf der Straße herum und schießen in die Luft; er zog es vor auf der Straße zu schlafen als sich zuhause zu befinden; er nahm diverse Drogen; er schämt sich vor seiner Familie, ist jetzt aber glücklich bei Casa do Menor zu sein. Drei/ vier Jungs kommen aus dem „traffico“ (Drogenhandel), welcher ein besonderes Problem hier in Rio de Janeiro ist und daher auch in sozialen Einrichtungen viele Aussteiger zu finden sind. In Casa do Menor Fortaleza ist wohl ein ganz anderes Problemfeld: Hunger, Prostitution, Crack. Letzte Woche wollte ich mit den Jungs eine kreative Fotoaktion starten, bei der jeder maximal 15 Minuten meine Kamera benutzen kann, um Fotos zu schießen, die etwas über ihre Persönlichkeit, ihr Leben aussagen, um diese dann später entwickeln zu lassen und ein Plakat zu machen. Es wurden dann eher einfach so Fotos geschossen, wobei sie aber alle riesigen Spaß hatten, und das ist ja auch das wichtigste. Hier ein paar davon:

Rennan im Schwimmbad...

...Marcus Vinicius (alias Sagui) und ich...

...die Denkerpose...

...stolz praesentieren sie den eigens angebauten Kraeutergarten...

...ein anderer Marcos Vinicius (alias Feijão) beim Pipa- Spielen...

...Thiago vor dem frisch gestrichenen "Casa Renascer"...

...Schoenling Flavio mit haesslichem Hauskoeter Leio.


Folgende Szene, die sich am Samstag vor eine Woche ereignete und hier in Rio de Janeiro wohl keine Seltenheit ist, zeigt den riesigen Unterschied der sozialen Schichten in Brasilien: Benjamin und ich laufen in Botafogo an einer traumhaften Straße (in die eine Richtung Zuckerhut, in die andere Christusstatue) die Deutsche Schule suchend entlang. Da kommt uns ein circa 10 jähriger Bub entgegen mit wuscheligen Haaren, zerfetzten Klamotten und dreckigen Füßen und bittet um etwas Geld. Benni gab ihm die halbvolle Colaflasche, die er zuvor gekauft hatte. Wenige Meter danach betraten wir ein wahres Paradies was das Grundstück und die Bildung angeht, nämlich die Deutsche Schule „Corcovado“ in Rio. Hier gibt es von Kindergarten bis Abitur alle Jahrgänge und für etwa 1300- 1400 Reais (500 Euro) im Monat kann das Kind eine hervorragende Bildung erfahren. Im Vergleich dazu verdient eine „Sozialmutter“ bei mir im Projekt 400 Reais im Monat für eine 5x24 Stunden- Woche…verrückt diese Welt…Das Fest in der Schule war richtig schön. Das Gelände war nach dem Motto „Mittelalterlicher Jahrmarkt“ geschmückt und es gab zahlreiche Vorführungen, zum Beispiel eine „Till Eulenspiegel“ - Lesung.

An den Abenden dieses Wochenendes ging ich nach Nova Iguaçu zum „Santo Antonio“- Straßenfest und genoss es mich unters Volk zu mischen.

Letzten Montag fand im italienischen Konsulat in Rio de Janeiro eine Buchausstellung des Gründers und Präsidenten Casa do Menors Padre Renato statt, was ich natürlich nicht verpassen konnte. Das Buch trägt den Titel „Presença“ (Präsenz) und beschreibt die im Projekt praktizierte Pädagogik. Zur Einstimmung führten Jungen und Mädchen aus Casa do Menor sowie aus der Gemeinde das im Kulturzentrum einstudierte Theaterstück über die Geschichte und Problematik Brasiliens vor. Casa do Menor ist wirklich ein Geschenk Gottes!!! Ein Junge hier sagte wohl mal: „Als Gott Casa do Menor geschaffen hat, hat er sehr viel geliebt.“
Umso trauriger stimmt es mich zu sehen wie einige Jugendliche diese Möglichkeit auf ein neues, ordentliches Leben nicht wahrnehmen können. Letzte Woche verbreitete sich die Nachricht, dass ein Junge, der schon seit zwei Jahren bei Casa do Menor war, bei der Europatour partizipierte und im Januar Casa do Menor verließ und seit dem nur ab und zu zu sehen war, aufgrund von Verstrickungen in Drogenhandel, -konsum, Diebstahl etc. in einer Favela erschossen wurde. Diese Realität kann einen echt manchmal richtig betäuben…

Da ich den Bericht nicht ganz so negativ beenden möchte, kann ich Euch nur versichern, dass auch in Brasilien alle Fußballspiele der EM in Schweiz/ Österreich übertragen werden und ich schon jetzt dem EM- Titel „unserer Jungs“ entgegenfiebere :).

Viele liebe Grüße aus Rio

Moritz

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hi Mo,

in Rio wohnt auch Eike Fuhrken Batista (hat in Aachen Ing. Studium absolviert), der letzte Woche 2,7 Millarden Euro durch den Börsengang einer Firma verdient hat, die Explorationslizenzen vor der brasilianischen Atlantikküste besitzt. Würde sich sicherlich lohnen, ihn mal nach Casa do Minor einzuladen.

Bis dann
Rolf

Anonym hat gesagt…

Hallo.
Ich mochte mit Ihrer Website omoritznobrasil.blogspot.com Links tauschen